10.06.06

"Heute wir, morgen Ihr. Hoch die Solidarität."

Der große Kessel in Sachsenhausen. Ein Teil der Polizei war schon zurückgezogen.

Ein kleiner Kessel in Sachsenhausen.
Am Campus Bockenheim der Frankfurter Universität startete der 1500 Leute umfassende Demonstrationszug. Ein Meer von gelben Luftballons machte die Demo bunt. Nach kurzer Zeit wurde der Demonstrationszug von der Polizei gestoppt. Für mehr als 30 Minuten gab es kein Entkommen. Links und Rechts die Häuserfronten, vorn und hinten Polizeiketten. Der AStA verhandelte mit der Polizei um eine Demoroute. Der Vorschlag der Polizei: zurück zum Campus und dann weiter durch unbelebte Gebiete Frankfurts.
Plötzlich sammelten sich die Studierenden und flüchteten durch eine Seitengasse, die die Polizei wohl übersehen hatte. Der gesamte Demonstrationszug sprintete - nun ohne Polizeibegleitung - bis zum Hauptbahnhof. Dort wurde ein Bauzaun zur Seite geschafft und die Menge gelangte in den Bahnhof. Es wurden verschiedene Barrikaden wie Mülleimer auf die Gleise geschubst. Die Demonstrieren skandierten: "Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut!". Rauchbomen vernebelten die Gleise. Es hallte in der kompletten Bahnhofshalle. Ein Demonstrationsteilnehmer gegenüber Uebergebuehr: "Es war einen Moment wie in den 68ern."
Der Demozug ging schnell weiter. Weitere Sprints hielten die Polizei in Schach. In Sachsenhausen traf ein weiter Demozug hinzu. Verschiedene Male wurde Polizeiketten gebildet. Doch oftmals wurde eine Seitengasse genutzt, um weiterzuziehen. Im Einsatz waren mehrere Wasserwerfer und ein Polizeihubschrauber.
Insgesamt war es eine spontane, schnelle Demonstration, die Lust auf mehr macht. Die Studierenden ließen sich von den Ankündigungen der Polizei, schärfer durchzugreifen, nicht entmutigen.
Update 1:
Nach der Hauptbahnhofaktion spaltete sich der Demozug. Einer zog südlich des Maines ins Ebbelwoi-Viertel und wurde dort mit einfacher Polizeikette gekesselt. Ein anderer zog nördlich des Mains, hängte noch eine Puppe an der Europäischen Zentralbank auf (Bild bitte an uns) und verlor sich dann in den englischen Fans der Mainarena. Diese tauchten dann wieder im Kessel in Sachsenhausen auf und brachten ihn zum sprengen.
Ein Problem waren die ständigen Zwischensprints. Sie rissen den Demozug völlig auseinander und streute kleine Gruppen über die City. Die Polizei bemühte sich diese zu Kesseln. Allerdings ging ihnen bald die Leute aus. Es waren einfach zu viele Gruppen.
Laut AStA wurde einige Studierende dem Haftrichter vorgeführt. Das ganze dürfte also noch ein ernstes Nachspiel haben. Genaueres konnte dieser wegen des Chaos aber am Abend noch nicht sagen.
Insgesamt muss man aber sagen, die etwa 40.000 anwesenden englischen Fans haben die Stadt effektiver gestört. Es wurde aber auch mindestens ein Interview mit einem ausländischen Fernsehteam geführt.
Update 2: Augenzeugenbericht von Oli
Nachdem die Demo vom Bockenheimer Campus gestartet war, wurde sie kurz hinter dem Messeturm von der Polizei gestoppt. Die Demo war eine nicht genehmigte Versammlung, und der Wasserwerfer stand bereits bereit. Nach geraumer Zeit erklärten sich dann einige Leute bereit, die Demo anzumelden. Nach einer endlosen halben Stunde kam dabei dann raus, das die Demo brav wieder zurück zum Campus und durch ein paar leere Viertel maschieren sollte.
10 Minuten später riss dann bei Einigen der Geduldsfaden, und kurzerhand stürmte etwa die Hälfte der Demo (ca. 250-400 Leute) spontan in eine ca. 100 m entfernte U-Bahnhaltestelle. Bei dieser Gruppe war auch ich. Wir fuhren eine Station bis zum Hauptbahnhof, rannten in diesem ein bisschen herum und bevölkerten eine Viertelstunde den Bahnhofsvorplatz.
Als die Polizeipräsenz bedrohlich zunahm, entschieden wir uns, einfach in Richtung Innenstadt loszumaschieren (öfters auch von längeren Sprints unterbrochen). Die Polizei versuchte zwar, uns am Rennen in die Freßgasse (nehm ich mal an) zu hindern, doch wir waren einfach schneller und es kam nur zu einzelnen Rangeleien. Dann zogen wir also leicht planlos durch die Gegend, erregten aber in der belebten Innenstadt gut Aufmerksamkeit.
Wir kamen dann am Main-Ufer raus, direkt neben dem Video-Würfel. Plötzlich war der Wasserwerfer der Polizei, der kurz aufgefahren war, wieder verschwunden und wir konnten nach einer Viertelstunde recht unbeachteten Protestierens unbehelligt die große Brücke überqueren (fragt mich nicht welche). Wir hatten nämlich erfahren, dass sich die Teile der Demo, die nicht mit in die U-Bahn gekommen waren, selbstständig auf den Weg gemacht hatten, und auf der anderen Mainseite waren.
Auf der anderen Seite angekommen entdeckten wir plötzlich ein Grüppchen Studenten (wohl so 50 Leute) die von mindestens genauso vielen, wenn nicht mehr Polizisten eingekesselt an eine Häuserzeile gedrückt waren. Kurzentschlossen kesselten wir die Polizisten lautstark ein, die nunmehr von beiden Seiten Studenten gegenüber standen. Daraufhin überdachten die Polizisten ihre Lage und gaben die von ihnen Eingekesselten nach einer Minute frei. Ich habe noch nie erlebt, das "lasst sie frei"-Rufe so schnell Wirkung zeigten. Kurze Zeit später trafen wir auf den Rest des Zuges, immerhin bestimmt 300 Leute. Wir waren dann wieder etwa 1000 Leute. Wir bewegten uns noch eine ganze Weile auf dieser Main-Seite.
Als wir dann aber wieder zurück auf die Brücke wollten, von der wir gekommen waren, meinte die Polizei plötzlich, sich uns mit ein paar Leutchen in den Weg stellen zu müssen. Wir konnten diese Sperre jedoch durchbrechen, wobei von Seiten der Polizei Pfefferspray eingesetzt wurde. Leider kamen aber nicht alle nach, und so stand alles eine viertel Stunde lang auf der Kippe. Wir konnten aber durch geschicktes Ausmanövrieren und Gerenne die Polizei umgehen und zogen dann friedlich mit dieser im Schlepptau über die Brücke wieder zurück.
Nach einigen weiteren Wanderungen durch die diversen Straßen Frankfurts kamen wir letztendlich wieder beim Hauptbahnhof raus, gingen aber nicht wieder auf den Vorplatz, sondern bewegten uns nach einer Viertelstunde Feiern mit englischen Fans im benachbarten Pub über eine große Straße wieder Richtung Campus. (Da waren etwa 5 Stunden seit Demo-Beginn vergangen.)
Auf dem Weg dahin wurden einige Leute von einer Straßenbahn angefahren, die - obwohl sie schon gestoppt hatte - meinte, sich einen Weg durch die Demo bahnen zu müssen. Nach wenigen Sekunden stoppte sie jedoch abruppt und der Fahrer wurde von den wütenden Studenten zur Sau gemacht.
Kurze Zeit später kamen wir am Campus an, für mich war die Demo hier zu Ende, ein Kern aus ca. 300 Leuten besetzte spontan noch die nächste Kreuzung, keine Ahnung, was daraus geworden ist..
Zusammenfassend kann man sagen, dass die Polizei sich in der Öffentlichkeit fast bis zur Gänze zurückziehen kann, man sollte allerdings die ruhigen Nebenstraßen meiden, weil sie da dann umso härter zugreifen. Das wäre uns auch mehrmals beinahe zum Verhängnis geworden. Immerhin war die gesamte Demo von Beginn bis Ende nicht angemeldet! Zum Glück jedoch war die Demo sehr mobil, es kam zu keinerlei ernsthaften Sitzblockaden, wodurch wir sowohl die Konfrontationen mit der Polizei als auch die Verkehrsbehinderungen im erträglichen Rahmen halten konnten.





