07.07.08

Der Juni war eine bewegte Zeit in Hessen und deshalb standen aktuelle Entwicklungen dort im Vordergrund unserer Berichterstattung. Jetzt ist aber auch mal wieder Zeit für andere News in der praktischen Übersicht.

NRW muss das zweite Hessen werden

In einer representativen Umfrage unter 6000 Studierenden in ganz Deutschland sprachen sich 70% für eine Abschaffung von Studiengebühren aus, 84% fühlen sich unzureichend informiert und 74% glauben nicht an eine Verbesserung der Studiensituation durch die Campus-Maut. Die Studierenden beweisen damit ein gutes Gespür für die zu erwartenden Veränderungen wie die Differenzierung innerhalb der Hochschulen und den Rückzug des Staates aus der Finanzierung, die für die meisten negative Konsequenzen haben werden. Nach der Umfrage waren besonders Studierende in Nordrhein-Westfalen unzufrieden mit den Entwicklungen. Diese Tatsache ist besonders in Hinblick auf die anstehenden Wahlen 2010 und das bereits 2006 unter Beweis gestellte Protestpotential im Flächenland mit der höchsten Studierendendichte interessant. Eine Abschaffung der Gebühren wäre aufgrund der Entscheidungshohheit der Hochschulen für eine Regierung zwar ungleich schwieriger als in Hessen, aber dass man mit Bildungspolitik Wahlen gewinnen kann, wenn die Studierenden ausreichend Druck aufbauen und die Bevölkerung ausreichend informiert wird, hat Hessen eindeutig gezeigt. Die landesweite Demo in Düsseldorf mit immerhin 3000 Teilnehmern beweist, dass der Protest weiterhin lebendig ist.

Hamburger Studiengebührenmodell vorgestellt

Nach den Koalitionsverhandlungen präsentierten Grüne und CDU ein Modell nachgelagerter, kreditfinanzierter Studiengebühren anstatt der erhofften und von den Grünen im Wahlkampf vertretenen Abschaffung der Gebühren. Jetzt wird klar, dass die endgültige Version sogar eher eine Modifikation des bisherigen Modells ist, deren Veränderungen zwiespältiger Natur sind. Die Gebührenhöhe pro Semester wurde zwar von 500 auf 375 Euro gesenkt, aber dafür sind die Befreiungsmöglichkeiten deutlich eingeschränkt worden, und gelten jetzt nur noch für Behinderte und Studierende mit Kind. Und selbst für diese Gruppen nur ab einer Überschreitung der Regelstudienzeit von mehr als 2 Semestern. Es gibt zwei Möglichkeiten die Gebühren zu bezahlen: Sofort oder nach dem Studium, wobei die Gebühren dann über ein für die Zeit des Studiums zinsfreies Darlehen beglichen werden. Die Zinsfreiheit stellt ein Novum dar, jedoch müssen unmittelbar nach der Exmatrikulation ab einem Verdienst von 30 000 Euro Brutto die gesamten Schulden auf einmal zurückgezahlt werden. Für den Fall, dass dies nicht möglich ist, kann ein weiteres Darlehen aufgenommen werden. Und genau hier liegt ein gravierendes Problem. Es gibt bisher keine Regelungen über die Verzinsung ab diesem Zeitpunkt, und wenn diese sich nach dem Zins auf dem freien Markt richten sollte, könnten weit höhere Summen anfallen als bei den bisherigen Modellen. Zudem ist die Rückzahlungsgrenze mit 17 000 Euro relativ hoch gesetzt. Eine weitere Verschlechterung stellt die verkürzte Gewährung des Darlehens bis lediglich 2 Semester über die Regelstudienzeit hinaus dar. Verlängerungsmöglichkeiten etwa bei Mitarbeit in studentischen Gremien oder bei schlechter Organisation des Studiums seitens der Hochschule sind nicht vorgesehen.

GEW stellt Positionspapier zur Verbesserung der Lehre vor

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hat eine "Qualitätsoffensive für gute Hochschullehre" gefordert. "Gute Lehre ist ein Job für Profis. Wer exzellente Forschung betreibt, macht nicht automatisch gute Lehre", erklärte das für Hochschulen verantwortliche GEW-Vorstandsmitglied Andreas Keller. Noch vor den Empfehlungen des Wissenschaftsrats hat die Bildungsgewerkschaft ein eigenes Positionspapier zur Lehre an Hochschulen beschlossen. Hochschullehrerinnen und -lehrer sollten Kompetenzen in der Lehre systematisch erwerben. Und: Sie sollten diese bei Berufungen auf eine Professur auch nachweisen. Keller

unterstrich die institutionelle Verantwortung der Hochschulen: "Die Lehre ist eine der Hauptaufgaben der Hochschulen." Sie muss zum Dreh- und Angelpunkt von Personalentwicklung und Qualitätsmanagement werden. "Die Bildungsgewerkschaft setzt sich für eine Lehre ein, die Studierende und ihren Kompetenzerwerb in den Mittelpunkt stellt", sagte Keller. In Reformprojekten sollten innovative Lehr- und Lernformen gefördert werden. "Eine an den Studierenden orientierte Lehre lässt sich nicht mit den Methoden des 19. Jahrhunderts verwirklichen. Das 'Sender-Empfänger-Format' der traditionellen Vorlesung", so Keller, "ist bereits seit Erfindung der Buchdruckerkunst überholt". Keller schlug vor - analog zur Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) - ,eine Deutsche Lehrgemeinschaft im Verbund von Hochschulen, Lehrenden und Studierenden zu gründen, finanziert durch Bund und Länder. "Bei der Vergabe von Drittmitteln für die Lehre sollen die Studierenden als Experten für die Lehre ein halbparitätisches Mitbestimmungsrecht haben", betonte der GEW-Hochschulexperte.

Info: Das vom Hauptvorstand der GEW verabschiedete Positionspapier "Die Lehre in den

Mittelpunkt" kann im Internet abgerufen werden unter:

www.gew.de/GEW_Gute_Lehre_ist_ein_Job_fuer_Profis.html




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