Handel mit Bildung klingt zunächst befremdlich: Wissen und Methodenkenntnis lassen sich "vermitteln", aber nicht "kaufen". Bildung, allgemeine wie berufliche, ist Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe, d.h. aktives teilnehmen am gesellschaftlichen Leben. Entsprechend ist die Gewährleistung von Qualität und Zugang zur Bildung zentrale öffentliche Aufgabe, eine Behandlung von Bildung als eine Ware ist per Definition ausgeschlossen.
Dennoch wird Bildung auch alltäglich in Deutschland gegen Geld vermittelt, "gehandelt". Für die Hochschulen gilt: Studiengebühren in vierstelliger Höhe sind an der Tagesordnung – für Weiterbildungs-Studiengänge (nicht auf einen Bachelor folgende Master-Studiengänge), vielfach von ausländischen Studierenden besucht. Für MBAs wird gar bis zu 45.000 Euro verlangt. Vielen unbekannt ist, dass der Weiterbildungsbereich schon jetzt ein weithin kostenpflichtiger, größtenteils privater Bildungsbereich ist. Ohne staatliche Qualitätskontrolle, ohne Sicherung sozial nichtselektiven Zugangs. Ein Bereich, der sich zunehmend auch internationalisiert, d.h. durch internationale Weiterbildungsfirmen erschlossen wird.
Internationalisierung der Hochschulen – geht es nur ums Geld?
International boomt der Handel mit Bildungsdienstleistungen. Für den Hochschulbereich ein paar Beispiele: Gerade in englischsprachigen Ländern sind ausländische Studierende eine zentrale Einnahmequelle vieler Hochschulen. Insbesondere in Südostasien haben vorwiegend australische und neuseeländische Hochschulen branch campuses, d.h. "Zweigstellen", aufgebaut, um durch hohe Studiengebühren das Fehlen ausreichender öffentlicher Studienplätze auszugleichen. Ein ähnliches Phänomen lässt sich in vielen Ländern Osteuropas beobachten. Häufig sind es dort auch Einrichtungen ohne "Mutterhochschule", so genannte Offshore-Institutions, die in höchst unterschiedlicher Qualität gegen Geld international übliche Diplome anbieten. Übrigens mischen auch deutsche Hochschulen beim Hochschulexport fleißig mit: in Ägypten, Singapur und Thailand sind gebührenpflichtige deutsche Hochschulen im Aufbau – allesamt Ableger öffentlicher Universitäten. In einem rasanten Wachstum befindet sich ferner der Bereich von "e-learning"- Angeboten. So macht die Phoenix Online Universität, eine kommerzielle Tochter der US-amerikanischen Apollo Group, Milliardenumsätze durch Internet-basierte MBAKurse und andere Studiengänge. Insgesamt befindet sich die sog. "Transnational Education" (TNE) in einem rasanten Wachstum. Von TNE spricht man, wenn die wahrgenommene Bildung (Kurse, Abschlüsse usw., bzw. das Bildungssystem als ganzes) einem anderen Land entstammt als der/die sich Bildende. Dem Wachstum liegen verschiedene Ursachen zugrunde: Der Bedarf nach Hochschul- und Weiterbildung ist in den letzten 15 Jahren weltweit enorm gestiegen. In den meisten Ländern wurden und werden die öffentlichen Angebote nicht entsprechend dem Bedarf erweitert, sodass Lücken entstehen, welche häufig durch internationale Anbieter gefüllt werden. Zweitens besteht von Seiten der Individuen ein zunehmendes Interesse an internationaler Bildung, insbesondere an Fremdsprachenkenntnissen und kultureller Erfahrung. Drittens zeigen aber auch Bildungseinrichtungen in einer globalisierten Welt weiter wachsendes Interesse an Kooperation und Austausch.
Eine Kommerzialisierung des Bildungswesens durch Internationalisierung ist keineswegs notwendig, von der Sinnhaftigkeit in Bezug auf Qualität, Zugang oder inhaltliche Diversität einmal ganz abgesehen. So existieren auch zahlreiche Beispiele für die Internationalisierung des Bildungswesens, welche nicht-kommerzieller Natur sind. Gemeinsame Studiengänge verschiedener Hochschulen, ein intensiver Austausch von Dozierenden und Studierenden, Berücksichtigung internationaler Lernmethoden und -inhalte sind ein paar Beispiele. Der Prozess der Europäisierung des Hochschulwesens, der sog. Bologna-Prozess, biete die Chance, der Internationalisierung in Form von Kooperation und Austausch eine ganz neue Dimension zu verleihen.
Wie wenig Staat können wir uns leisten?
Die Weichenstellungen kommen hierbei von den Regierungen und Parlamenten. Wird die weltweit stattfindende, begrüßenswerte Bildungsexpansion durch einen entsprechenden Ausbau staatlicher Finanzierung und eine staatliche Regulierung der Grundprinzipien der Internationalisierung öffentlich getragen, oder siegt das Dogma des "schlanken Staates", der Rückzug aus gesellschaftlicher Finanzierung und Regulierung des (Hochschul-) Bildungswesens?
Das entscheidende Schlachtfeld für diese Frage bildet das Hochschulwesen: Erwachsenenbildung ist in vielen Ländern schon jetzt weitgehend in privater Hand. Der Weiterbildungsbedarf steigt – hier spielen auch die Hochschulen eine Rolle – aber eine Verstaatlichung des Weiterbildungsbereichs diskutiert derzeit niemand. Die Schulen sind weltweit zum größten Teil staatlich oder zumindest öffentlich finanziert und decken quantitativ in den Industrieländern den Bedarf weitgehend ab. Im Hochschulbereich hingegen stehen rasant steigende Studierendenzahlen weltweit stagnierenden öffentlichen Bildungsausgaben gegenüber. Für über 2 Mio. Studierende im WS 2003/04 existieren beispielsweise in Deutschland etwas mehr als 1 Mio. Studienplätze. Die Studierendenzahlen sind hier seit Anfang der 70er von etwa 500.000 auf über 2 Mio. gestiegen, die StudienanfängerInnenquote innerhalb eines Jahrgangs seit Mitte der 90er von 25 % auf über 35 %, Tendenz stark steigend.
Wird die öffentliche Finanzierung diesem wachsenden Bedarf nachkommen, werden die Hochschulen deutlich ausgebaut? Oder werden die Hochschulen ihren Bedarf zunehmend privat stillen und, wie in Australien, Kanada, Neuseeland, den USA, Großbritannien usw., auf beständig steigende Studiengebühren zurückgreifen? Proteste können in Zukunft nicht nur gegen sinkende Hochschulhaushalte geführt werden. Der Kampf muss steigenden Haushalten gelten und einen Paradigmenwechsel bei der Steuer- und Finanzpolitik mitdenken, sonst sind Gebühren inklusive Qualitätsverfall und Zugangsbeschränkungen fast unvermeidlich. Und aus einer öffentlichen Angelegenheit wird Privatsache, Kommerz international.
Heiner Fechner war Vorstandsmitglied des freien zusammenschlusses von studentInnenschaften (fzs) und studiert in Potsdam