Politisches Handeln emanzipatorisch-solidarischer Art liegt dann vor, wenn sich einzelne oder mehrere einerseits um ein verstehendes Begreifen der gesamten gesellschaftlichen Wirklichkeit bemühen und dieses Ansinnen andererseits mit dem immer wieder praktisch verwirklichten Anspruch verknüpfen, die gesellschaftliche Realität - und damit auch sich selbst - so zu verändern, dass irgendwann einmal umfassende Herrschaftsfreiheit verwirklicht werden kann. Dabei sollte es sich von selbst verstehen, dass vor allem das verstehende Begreifen immer mit dem kontroversen Austausch von Argumenten, Einschätzungen und Erfahrungen einhergehen muss. Aus dieser Definition kann holzschnitt-artig das Folgende geschlussfolgert werden: Dort wo irgendwelche Menschen sich nur zum verstehenden Begreifen zusammenschließen, existiert lediglich eine Seminargruppe. Wo jene Seminargruppe sich auch um Veränderung bemüht, diese jedoch nur auf die eigene Person beschränkt (und weitergehende Ansprüche auf gesellschaftsverändernde Maßnahmen gar nicht erst formuliert) handelt es sich um so etwas wie eine seminaristische Selbsthilfegruppe. Liegt der Akzent dagegen auf dem Bestreben, Gesellschaft zu verstehen und zu verändern, allerdings nur so, dass die ureigensten Interessen berücksichtigt werden, dann hat mensch es mit Lobby-Politik zu tun. Und schließlich: Wo der widerständige Veränderungswille zwar herrschaftsfreien Idealen verpflichtet ist, dabei jedoch die eigene Person mehr oder weniger stark aus den Veränderungsbestrebungen herausgenommen wird, dort kann wohl von solidarischer Politik gesprochen werden, nicht aber von emanzipatorisch-solidarischer Politik, denn diese setzt, wie oben bestimmt, das Verstehen und Verändern auf allen Ebenen voraus.
Dieses „Handbuch zur studentischen Protestorganisation“ entsteht Anfang Januar 2005 unter dem Eindruck sich immer weiter verschärfender sozialer und gesellschaftlicher Konflikte, auf die bis dato keine adäquate Antwort in Form von Protesten und Einflussstrategien gefunden zu sein scheint.
Unlängst werden die Rechte der ArbeitnehmerInnen immer vehementer angegriffen, Arbeitslose mittels der Hartz-Gesetzgebung in entrechtete Zwangsarbeitgelegenheiten gezwungen, attestiert die PISA-Studie Deutschland eins der sozial selektivsten Bildungssystem der Welt, leben eine Million Kinder von Sozialhilfe, erstarkt die parlamentarische wie außerparlamentarische Rechte, vermögen gut 4 Millionen Deutsche nicht mehr zu lesen oder schreiben, soll in der EU-Verfassung das Recht, Angriffskriege zu führen, festgeschrieben werden, wird der Sozialstaat mit zunehmender Geschwindigkeit zerschlagen, sollen Studiengebühren eingeführt und die Mitbestimmungsrechte der Studierenden an den Hochschulen weiter abgebaut bzw. ihrer Wirkungsgewalt beraubt werden.
All dies geschieht, weil man uns glauben macht, es 'müsse' so geschehen - und gäbe keine Alternative hierzu. Und zwar ohne nennenswerte Gegenwehr seitens der deutschen Intelligenzija.
So setzen sich Mythen und Legenden bis in die deutschen Hochschulen fort und werden in den Köpfen der jungen Generation reproduziert: Die Lohnnebenkosten seinen zu hoch, soviel Sozialstaat sei unsozial, der Generationenvertrag trage nicht mehr, Arbeitslose seien faul, andere Kulturen und Religionen bedrohten uns, die Gewerkschaften seien die ewig gestrigen 'Reformblockierer' und eigentlich ohnehin an allem Schuld, Bildung sei eine Investition in das eigene Humankapital usw. usf.
Gegen einzelne oder mehrere dieser Missstände und ideologischen Konstruktionen wurde von Studierenden und Studierendenvertretungen in den letzten Jahren immer wieder protestiert und gestreikt. Nur selten jedoch haben diese Proteste es vermocht, handfeste Veränderungen herbeizuführen.
Dies ist unserer Meinung nach unter anderem darauf zurückzuführen, dass [1]...
Diese, von uns wahrgenommenen, Probleme können und wollen wir mit dem vorliegenden Handbuch nicht lösen. Was wir jedoch möchten, ist, diese sowie fünf aus ihnen abgeleitete Thesen zur Diskussion stellen - um anschließend in den nachfolgenden Kapiteln Handreichungen für aus unserer Sicht notwendige Veränderungen der Organisation und Realisierung studentischer Politik und Proteste zu bieten.
Im 1. Kapitel („Studentische Streiks“) gehen wir dabei kurz auf den Hochschulstreik als spezifische Form studentischer Proteste ein, geben Literaturhinweise und legen einige Ideen und Erfahrungen dar.
Im 2. Kapitel („Partizipative Organisation“) möchten wir in Bezug auf ‚Politisierung’ und ‚Partizipation’ (oben genannte Probleme 3, 6, 7, 8, 9, 10 und 11) anregen, die bisherigen Konzepte und Verständnisse von Partizipation und studentischer Politik zu überdenken, sind wir doch der Überzeugung, dass die jeweils vorhandene oder eben nicht vorhandene ‚Kreativität’ studentischer Proteste hauptsächlich in der Art und Weise ihrer politischen Organisation begründet liegt.
Einige Ideen, wie partizipativer Protest oder Widerstand auszusehen vermag, unterbreiten wir schließlich in Kapitel 3 („Aktions- und Protestideen“), mit dem wir auch anregen möchten, zukünftige Aktionen sowohl mit mehr Subversion (á la Kommunikationsguerillia) als auch und vor allem zivilem Ungehorsam anzureichern, da uns dies bezüglich einer Lösung der oben genannten Probleme 1 und 4 als zielführend erscheint.
Auf der Ebene praktischer Realisierung sind wir der Meinung, dass studentische Politik, studentische Aktionen und studentische Proteste zukünftig vor allem folgende Ansprüche an sich selbst formulieren und umsetzen sollten:
Seht die Ideen dieses Handbuches bitte als Anregungen an; weder handelt es sich um Unumstößliches noch um eine ‚politisch ausgereifte Strategie’. Was wir hier schreiben und beschreiben wollen, soll kritisiert, widerlegt, angenommen und/oder weitergedacht und -verwendet werden. Wo uns Darstellungen zu kurz geraten – und aufgrund des gewählten Publikationskonzeptes geraten müssen -, verweisen wir stets auf weiterführende Literatur.
Eine ‚offene’ und für alle zugängliche sowie unzensierte Internetplattform zum Sammeln und Weiterdenken eigener Aktions- und Protestideen geht mit Redaktionsschluss dieses Handbuches unter www.aktionenseite.de.ms an den Start. Surft also einfach einmal hin und werdet mit uns und anderen zusammen kreativ!
Wenn Ihr Euch für ‚Weiterbildungen’ zu einem der Themen dieses Handbuches interessiert, surft doch einfach einmal auf www.vortragsangebote.de.vu - und schaut Euch um.
Alle hier zusammengestellten Texte sind nicht urheberrechtlich geschützt, ganz im Gegenteil: Bis auf die Anhänge und die Kapitel 3.4.2, 3.4.3 und 3.4.4 sind sie von uns mit einem Copyleft[3] versehen; das bedeutet, dass Ihr sie nach Gutdünken selbst verwenden, weiterentwickeln und publizieren dürft. Unter einer Bedingung allerdings: Dass für Eure hieraus resultierenden Texte dann wiederum dasselbe gilt.
Wenn Ihr Feedback, Kritik, Ergänzungen oder weitere Ideen für dieses (oder besser: das diesem möglicherweise nachfolgende) Handbuch habt, dann schickt sie einfach per E-Mail an redaktion@lass-es-geschehen.de.
Das Handbuch selbst könnt Ihr jederzeit unter www.protesthandbuch.de.vu zur weiteren Verwendung herunterladen oder von uns zugemailt bekommen. Das kann auch dann hilfreich sein, wenn Ihr in der A5-Printausgabe viele Grafiken späterer Kapitel nicht mehr richtig zu entziffern vermögt; elektronisch vorhanden ist das Handbuch in A4.
In der Hoffnung, das Euch die vorliegenden Seiten die eine oder andere Idee und/oder Inspiration liefern, der SPIEGEL mit seinem Artikel „Proben für den GROßEN KRACH“ vom Dezember 2003 Recht behält und der Widerstand in 2005 handfester, mannigfaltiger und vor allem von noch mehr Menschen als bisher getragen werden wird, verbleiben wir…
Eure Redaktion
[1] Um unserer Argumentation besser folgen zu können, empfiehlt sich die Lektüre der Anhänge 1 („Schwerpunkt Studi-Streik“) und 2 („Betrug und Selbstbetrug in der Hochschulpolitik. Ein Rückblick nach vorn“).
[2] vgl. unter anderem Alex Demirovic: Die politische Metapher links und die politischen Orientierungen von Studierenden; im Internet unter: http://staff-www.uni-marburg.de/~rillingr/wpl/texte/3Demirovic.htm.
Dies ist die bundesweite Seite der Internetplattform von Uebergebuehr. Uebergebuehr beleuchtet Bildungspolitik kritisch und arbeitet außerparlamentarisch auf ein freies, demokratisches und emanzipatorisches Bildungswesen hin.

(Voltaire, Philosoph)