
Entwicklung
Die Idee der Einführung eines Ba/Ma - Studiengangmodells als Nachfolge für das bisherige Diplom/Magister -Modell ist in den letzten Jahren als Teil einer europaweiten Harmonisierung des Hochschulraums vorangetrieben worden. Im Rahmen des sogenannten Bologna-Prozesses sollen bis zum 01.01.2009 alle Studiengänge europaweit auf das Ba/Ma -System umgestellt sein. An diesen richtungsweisenden Entscheidungen waren wie so oft Studierende und andere betroffene Gruppen nicht beteiligt. Die treibende Kraft hinter dieser Entwicklung waren auch nicht eine mögliche Verbesserung des Studiums oder der Studienbedingungen, eine höhere wissenschaftliche Qualität oder sonstige auf Inhalte bezogene Überlegungen. Es geht darum, die Bildungssysteme der betroffenen Länder kompatibel zu gestalten, koste es, was es wolle. Letztendlich handelt es sich hier um eine Umwandlung von Bildung in eine Dienstleistung, wie sie durch das GATS angestrebt wird.
Grundlagen
Grundsätzlich wird eine Zweiteilung des Studiums angestrebt. Nach einem, bis zu dreijährigen Studium erwirbt man mit dem Bachelor den ersten berufsqualifizierenden Abschluss. Danach erfolgt eine zweite Studienphase von wahrscheinlich zwei Jahren, diese stellt wiederum einen eigenen Studiengang dar. Das bedeutet, dass man sich erneut bewerben muss, voraussichtlich greifen dann die Zulassungsverfahren der jeweiligen Universitäten, nur etwas härter. Die Zahl der Masterstudienplätze soll deutlich unter der des Bachelors liegen. Keine Quotierung wäre eine unserer Forderungen, wo doch das Recht auch auf höhere Bildung Jeder und Jedem zuzusprechen ist.
Während des Bachelorstudiums liegt der Schwerpunkt auf dem Erwerb von Ausbildungswissen; eigenständiges Arbeiten soll nur über bestimmte sogenannte soft skills erlernt werden; - die Frage nach gesellschaftlichen Grundbedingungen und Hintergründen wird nicht mehr gestellt. Während der zweiten Phase [Master] kommt dann eine, in vielen Fällen nicht näher bestimmte Wissenschaftlichkeit hinzu. Wissenschaft wird primär in einen direkten Bezug zu Wirtschaftsprozessen gesetzt und damit für bestimmte [Profit-] Interessen instrumentalisiert. Grundlagenforschung, Gesellschafts-, Kultur-, Sprach- und Geschichtswissenschaften rücken aus dem Fokus universitärer Bildung.
Zudem wird das Studium in Einheiten unterteilt, in denen die Vor -und Nachbereitung von den Studierenden zu leisten sein soll. Diese sogenannten Credit-Points [CP] berechnen sich wie folgt: 1 CP =25-30 Realarbeitsstunden einer/s StudentIn. Pro Semester müssen beispielsweise in der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Hamburg 30 CP abgeleistet werden, was 900 Realarbeitsstunden entspricht, was wiederum 40 Stunden pro Woche bei sechs Wochen Jahresurlaub bedeutet. In manchen Fakultäten liegt die CP Anzahl sogar noch höher. Diese Rechnung geht von einem real kaum existierenden Typus des Vollzeitstudierenden aus.
Konsequenzen
Für das deutsche duale Ausbildungssystem [Berufsschule und betriebliche Ausbildung] stellt sich die Frage, ob die Einführung von Ba/Ma unter anderem auch dazu dient, Unternehmen von ihrer Ausbildungspflicht zu entlasten. Das Ergebnis für die Privatwirtschaft wäre die Einsparung der Gehälter für Auszubildende und generell der Personalkosten im Ausbildungsbereich. AbiturientInnen müssten den Bachelor erwerben, um in Traineeprogramme der Unternehmen aufgenommen zu werden; möglich wäre es sogar, die BewerberInnen für solche Programme zahlen zu lassen, so dass diese ihre Ausbildung komplett selbst finanzieren müssten. Die Kosten-/ Nutzenrechnung für die Unternehmen ist plausibel, aber ist sie es auch für die Studierenden?
Ebenfalls langfristig gesehen, wird das konsekutive Ba/Ma -System dazu beitragen, dass die Zahl der Studierenden aus sogenannten bildungsfernen Schichten noch viel stärker zurückgehen wird. Diese ohnehin schon sozial benachteiligten Studierenden, die ihren Lebensunterhalt zu großen Teilen aus eigener Kraft bestreiten müssen, werden ganz schnell mit der Kollision ihrer Arbeits- und Studienzeiten konfrontiert werden. Das unflexible Studienangebot der Hochschulen wird dazu beitragen, dass sie ganze Semester wegen ihrer Fehlzeiten verlieren und nachholen müssen. Die sogenannte Modularisierung, die Veranstaltungsfolgen über mehrere Semester vorsieht, wird diesen Effekt noch verstärken.
Das BAföG, wenn es denn nicht bald abgeschafft ist, sieht nur eine Förderung bis zum ersten berufsqualifizierenden Abschluss vor. Auch wenn man zu der glücklichen Minderheit gehörte, die für das Erststudium finanzielle Unterstützung von Vater Staat sah, steht man schnell vor die Frage: Masterstudium trotz Verschuldung? Viel früher sieht man sich vor eine noch grundlegendere Frage gestellt, nämlich: Studium trotz Verschuldung? Denn die geplanten sogenannten Studienfinanzierungsmodelle, nach denen sich die großen Banken schon heute die Hände reiben, sind für jeden, noch so unkritischen Geist nur als Schuldenfalle nachvollziehbar. Ba/Ma - ein weiteres Konzept der sozialen Selektion.
Aktuell ergeben sich durch die Umstellung eine ganze Reihe weiterer praktischer Probleme. Die Betreuung für Diplom/Magister - Studierende wird sich dramatisch verschlechtern. Die höheren Semester werden den NeuanfängerInnen keine Erfahrungen mit der neuen Studiensituation vermitteln können. An den AnfängerInnen wird die Praktikabilität des neuen Studiensystems getestet. Die politische Unvernunft und Willkür geht hauptsächlich zu Lasten der Studierenden.
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(Václav Havel)