Einst war eine Spezies Studenten auf Grund des politischen Klimas in den 70er Jahren vom Aussterben bedroht: die Burschenschaftler! Was diese Exemplare von herkömmlichen Studierenden unterscheidet, weshalb sie kurz vorm Aussterben waren und warum es nie genügend Artikel zu dem Thema Verbindungen und ihren Teilkörpern wie Burschenschaften, Corps, Landsmannschaften oder auch Turnerschaften geben kann - davon handelt der folgende Text.
Jedes Jahr zu Semesterbeginn kommen Wohnungssuchende in die Uni und durchstöbern die Schwarzen Bretter nach lukrativen Wohnungsangeboten. Am verlockendsten scheinen die Zimmerangebote zu sein, die für wenig Geld viel Luxus bieten. Nicht selten handelt es sich bei den Angeboten um Rekrutierungsversuche der Verbindungen. Aber wer hätte nicht gerne einen Billardtisch, eine Köchin oder gar eine Putzfrau? Da gäbe es dann allerdings die ein oder andere Bedingung, bevor der "Bund für's Leben" geschlossen werden kann - und an dieser Stelle handelt es sich keineswegs um eine zynische Umschreibung der Aufnahme in das Verbindungswesen.
- Zuerst einmal muss man Mann sein,
- Mann darf nicht den Wehrdienst verweigert haben,
- Mann muss Deutscher sein,
- Mann darf nicht schwul sein.
Das sind mehr oder weniger die offiziellen Zugehörigkeitskriterien der Burschenschaften (in anderen Verbindungen gelten teilweise andere Bedingungen. Manchmal werden auch Verweigerer und Ausländer aufgenommen, auch Frauenverbindungen gibt es). Wer diese erfüllt und tatsächlich aufgenommen werden will, den erwartet folgendes Prozedere: Der neue Student wird in die studentische Korporation (anderes Wort für Verbindung), in diesem Fall eine Burschenschaft, aufgenommen und ist für die nächsten zwei Semester ein Fux. Während dieser Probezeit muss nun der Fux viel über sich ergehen lassen, da er ganz unten in der Hierarchie steht. Zudem wird ihm ein Leibbursche zugewiesen, er steht in dessen Dienst, wird von ihm beobachtet und ist von dessen Willkür abhängig. Die Einführung in die Burschenschaft geschieht durch Unterordnung, Demütigungen und ein reglementiertes Leben. Dieses Konzept und die zeitliche Beanspruchung des Neuanwärters sowie der Zwang zum starken Alkoholkonsum verhindern, dass er sich mit anderen Dingen beschäftigen kann und auf die Idee kommt, die Strukturen in Frage zu stellen. Warum aber sollte der Fux das alles über sich ergehen lassen? Ein Grund hierfür ist die Tatsache, dass er in zwei bis drei Semestern die Möglichkeit hat, selber zum Burschen aufzusteigen und Leibbursche zu werden. Dann nämlich erhält er alle Rechte und kann den ihm zugewiesenen Fux ebenfalls schikanieren. Außerdem gehört er ja schon beinahe zur Elite. Der weitere Aufstieg erfolgt nach vier bis sechs Semestern, wenn der Bursche teilweise von seinen Pflichten entlastet wird und als "Inaktiver" gilt. Diesen Status behält er bis zum Ende seines Studiums bei. Der letzte Schritt ist dann sein Eintritt in die "Altherrenschaft", die für die ideologische und finanzielle Unterstützung des Nachwuchses zuständig ist. Die "Alten Herren" sind auch jene, die sich um die Karriere ihrer Sprösslinge kümmern, denn immerhin sind sie in der Politik, der Wirtschaft und anderen hohen Ämtern zu finden.
Diese stark hierarchischen Strukturen trugen mit dazu bei, dass die Korporationen im Zuge der Protestbewegung der Studierenden um 1968 zunehmend aus dem Unialltag verdrängt wurden. Die Durchsetzung der Massenuniversitäten, an denen auch Kinder aus Arbeiterfamilien sowie Frauen vermehrt zum Erscheinungsbild gehörten, entsprach nicht dem elitären Weltbild der Verbindungsstudenten. Sie zogen sich zurück und warteten auf eine erneute Rückkehr. An dieser Stelle ist von der erneuten Rückkehr die Rede, da diese Verbände schon einmal geschwächt wurden, als sie nach dem zweiten Weltkrieg auf Grund ihrer Mitwirkung im Nationalsozialismus verboten wurden. In den 50er Jahren etablierten sich dann die Verbindungen wieder, ohne ihre Vergangenheit aufgearbeitet zu haben. Die Wichtigkeit über Verbindungswesen, insbesondere Burschenschaften, immer wieder aufs neue Artikel zu schreiben, hat mehrere Gründe. Erst einmal darf nicht vergessen werden, dass es immer wieder Menschen geben wird, die von diesen Strukturen nichts wissen. Vor allem der Neuzugang an den Hochschulen hat verständlicherweise generell wenig bis gar kein Wissen über das Verbindungswesen, wird aber besonders in den ersten Wochen zu viel versprechenden Parties eingeladen. Darüber hinaus wird die Geschichte der studentischen Korporationen in der breiten Öffentlichkeit kaum reflektiert oder diskutiert. Was hat es mit der Losung "Ehre, Freiheit, Vaterland" auf sich und wieso gilt sie heutzutage noch als Kodex der Korporationen? Sind Verbindungsstudenten in der Regel Rechtsextremisten oder gibt es nur einzelne schwarze Schafe?Es würde leider den Rahmen des Artikels sprengen diese durchaus wichtigen Fragen ebenfalls zu behandeln. Doch zumindest sind sie gestellt und vielleicht wird die ein oder andere lesende Person sich weiter mit ihnen beschäftigen wollen. Kritisches Material dazu gibt es bei vielen studentischen Vertretungen bundesweit.
Vor allem aber wird die Thematisierung des Verbindungswesens immer wichtiger, weil unsere Gesellschaft auf Hochleistung aus ist. Diese Hochleistung soll im Bildungssektor u.a. durch Elitenuniversitäten nach internationalen Vorbildern erreicht werden. Hier kommt also die Elitenbildung erneut ins Spiel. Diese bedeuten nämlich Ausschluss anderer Studierender, zumindest aber derer, die als schwächer verstanden werden. Und wer ist dafür nun bekannt? Nicht nur, dass die Burschenschaften sich in der Öffentlichkeit nicht mehr verstecken müssen und stolz ihre Schärpen präsentieren, sie werden zukünftig zunehmend im Alltag vertreten sein und die Uni dominieren können, wenn ihnen nicht aus der Studierendenschaft entschlossen entgegen getreten wird. Deshalb ist es wichtig, sich über die Vergangenheit hinaus nun vor allem mit der Zukunft dieser selbst verstandenen Elite zu beschäftigen, bevor es zu spät ist.
Myriam Schotzki, Hannover
Dies ist die bundesweite Seite der Internetplattform von Uebergebuehr. Uebergebuehr beleuchtet Bildungspolitik kritisch und arbeitet außerparlamentarisch auf ein freies, demokratisches und emanzipatorisches Bildungswesen hin.

(Bert Berkensträter)