
Immer wieder rumort es an den Unis. Ob aus Protest gegen Studiengebühren Rektorate besetzt werden, ob Fachbereiche oder die ganze Uni bestreikt werden: Hochschulen sind umkämpft. Die Universitäten sind nicht nur Orte, an denen neoliberale Gesellschaftsmodelle umgesetzt werden, sondern auch Orte, an denen immer mehr Leute anfangen sich zu wehren. Damit der Protest kein Strohfeuer ist, müssen wir uns organisieren.
Der Alltag an der Uni wird immer unbequemer. BA/MA-Studiengänge lassen einem kaum noch Freizeit, es gibt immer weniger interessante Seminare. Wer noch nicht nach den neuen Studiengängen studiert, muss sich in Zeug legen, um noch solange es möglich ist fertig zu werden. Viele haben Angst vor der Zukunft. Denn schon lange nicht mehr ist ein akademischer Abschluss eine Garantie für einen sicheren gutbezahlten Job, prekäre schlecht bezahlte Arbeitsverhältnisse werden auch bei Uni-AbgängerInnen immer normaler.
Der Blick in die Tageszeitung macht es einem wieder und wieder deutlich: an allen Ecken und Enden passieren Schweinereien. Ob es die Nazis sind, die sich ausbreiten und im letzten Jahr sogar auf Montagsdemos mitlaufen konnten. Oder ob MigrantInnen oder deren hier aufgewachsene Kinder in Folterstaaten abgeschoben werden. Ein- Euro-Jobs, die die Löhne nach unten drücken, und Bildung die nur noch gegen Geld zu haben ist. Und bei all diesen Entwicklungen ist ein Ende der Fahnenstange noch lange nicht in Sicht. Klar ist, dass alles nur passieren kann, so lange alle mitmachen. Studiengebühren können nicht eingeführt werden, wenn niemand sie bezahlt. Gesellschaft ist ein Prozess, in dem immer wieder ob im Kleinen oder im Großen Kämpfe darüber geführt werden, wie stark wir selbst über unser Leben bestimmen können.
Für viele ist der Widerstand an der Uni ihre erste politische Betätigung. Politik an der Uni: Für viele bedeutet das vor Allem Engagement in Gremien, seien es Fachschaftsräte oder Asten. Viele andere beteiligen sich eine Zeit lang an Arbeitsgemeinschaften, die aber meistens schnell wieder einschlafen. Viel läuft über Freundeskreise, mit denen man zusammen auf Demos geht, und manchmal auch ein Transparent malt. Den meisten ist nach kurzer Zeit schon die Puste ausgegangen, sie sind abgeschreckt von der Borniertheit oder dem Redeverhalten anderer AktivistInnen, oder finden vor lauter Seminarstress + Job einfach keine Zeit für politische Arbeit.
Klar ist dass sich Studiengebühren nicht mal eben mit ein paar Protestwochen verhindern lassen. Wenn wir etwas erreichen wollen brauchen wir einen langen Atem. Es ist notwendig, sich längerfristig zu organisieren. Organisierung bedeutet, dass man sich entweder einer bestehenden Gruppe anschließt, oder sich mit Leuten zusammentut, die sich mit den Verhältnissen ebenso wenig abfinden wollen wie man selbst. Nur kollektiv können wir unsere Praxis auswerten und uns überlegen, was wir beim nächsten mal besser machen können. Nur in einer Gruppe kann man gemeinsame Positionen und Zielvorstellzungen entwickeln. Eine Gruppe bietet außerdem die Sicherheit, mit Repressalien nicht alleine konfrontiert zu sein. Für längerfristige Organisierung gibt es an der Uni verschiedene Möglichkeiten
Mitarbeit in einer Fachschaft oder im AStA
ASten und Fachschaftsräte sind die Interessenvertretungen der Studierenden eines Fachbereichs bzw. der gesamten Studierenden einer Uni. Um im AStA oder einem Fachschaftsrat mitzumachen muss man gewählt werden. Fachschaftsräte und ASten machen oft wichtige Arbeit und können erreichen, dass Studierenden einige Unannehmlichkeiten erspart bleiben. Sie nehmen, so weit ihnen die Möglichkeit gegeben wird, über Mitarbeit in akademischen Selbstverwaltungsgremien und Verhandlungen mit Uni-Leitungen Einfluss auf die Lehrinhalte. In Hamburg konnte der AStA bei der Einführung von Langzeitstudiengebühren in zähen Verhandlungen mit der Uni-Leitung so viele Ausnahmeregelungen durchsetzen, dass die Hälfte aller sogenannten "Langzeitstudierenden" von der Zahlung befreit werden konnte. Gremienarbeit ermöglicht nicht nur den Zugange zu Ressourcen, die für politische Arbeit benötigt werden (Computer, Kopierer, Geld), sondern wird auch stärker öffentlich wahrgenommen. Wenn ein AStA sich öffentlich positioniert stößt er in der Regel auf ein starkes Interesse von Seiten der Medien. Damit bietet gerade AStA-Arbeit gute Möglichkeiten, Einfluss auf gesellschaftliche Diskurse zu nehmen. Mitarbeit in studentischen Gremien bringt allerdings auch immer eine Menge Nachteile mit sich. Sie bereiten viel Verwaltungsarbeit, und im schlechtesten Fall kommt man kaum noch dazu, Kampagnen zu organisieren. Auch Studierende die in Universitätsgremien mitarbeiten haben aber keine gute Verhandlungsposition, wenn es keine Proteste gibt. Gleichzeitig riskiert man bei der Mitarbeit in einer studentischen Interessenvertretung immer, in Konflikten mit der Unileitung studentischen Protest zu integrieren. Da man wiedergewählt werden will, unterliegt man immer wieder der Gefahr, sich mit seinen Äußerungen zurückzuhalten um keine WählerInnen zu verschrecken. In vielen Bundesländern ist es verboten, sich "allgemeinpolitisch" zu äußern. Da studentische Gremien von Studierenden gewählt werden, die politisch so heterogen sind wie der Rest der Gesellschaft, sitzen in den Gremien oft ebenfalls Leute mit unterschiedlichen und oft gegensätzlichen Vortstellungen. Es gibt nicht wenige ASten, in denen sowohl BefürworterInnen als auch GegnerInnen von Studiengebühren sitzen. Es ist also oft nicht leicht, sich auf eine gemeinsame politische Linie zu einigen. Auch wenn man über die Mitarbeit in studentischen Gremien viel erreichen kann, ersetzt sie keine Organisierung, die außerhalb davon stattfindet. Wenn man Politik machen will unabhängig davon, ob die eigenen Aktivitäten immer mehrheitsfähig sind, wenn man bei der Gremienarbeit nicht den Kopf verlieren will, braucht man eine Gruppe, die die eigenen politischen Grundsätze teilt.
Organisierung in unabhängigen Gruppen
In jeder größeren Stadt gibt es linke Gruppen und Organisationen, die offen sind für neue AktivistInnen. Dabei wird es schwer sein, eine Gruppe zu finden, mit deren Ausrichtung man hundertprozentig einverstanden ist. Politische Arbeit bedeutet eben immer dass man Kompromisse macht. Dafür kann man gerade von anderen Standpunkten am meisten lernen. Allerdings gibt es wenig Gruppen, deren politisches Feld an der Uni liegt. Wenn man nichts findet, was zu einem passt, kann man sich mit FreundInnen zusammenschließen und eine neue Gruppe gründen. Das ist gar nicht so kompliziert. Ihr braucht einen Termin an dem ihr euch regelmäßig trefft, und los geht's. Dabei gibt es kein Patentrezept, wie man als Gruppe anfängt. Einige diskutieren als erstes Texte und erarbeiteten sich gemeinsame Positionen, anderen sind Praxiserfahrungen erst mal wichtiger. Oft ist es hilfreich, sich einen Namen zuzulegen, mit dem man nach außen auftritt und wiedererkannt wird. Wichtig, damit die Gruppenarbeit funktioniert und nicht schnell Frust entsteht, ist, dass alle Beteiligten der Gruppe eine hohe Priorität einräumen und dass alle Aufgaben, die einzelne oder alle übernehmen, verbindlich ausgeführt werden. Außerdem ist es notwendig, gemeinsame Zielvorstellungen zu entwickeln. Anregungen für die Gruppenarbeit gibt es im Netz unter www.protesthandbuch.de.vu
Anmerkung Uebergebuehr: Das Protesthandbuch ist (exklusiv) auf Uebergebuehr in einer Online-Version zu finden:
http://www.uebergebuehr.de/de/themen/handbuch-zur-studentischen-protestorganisation/
Dies ist die bundesweite Seite der Internetplattform von Uebergebuehr. Uebergebuehr beleuchtet Bildungspolitik kritisch und arbeitet außerparlamentarisch auf ein freies, demokratisches und emanzipatorisches Bildungswesen hin.

(Udo Corts, designierter ehemaliger Wissenschaftsminister von Hessen)