
Bildung ist wichtig, da sind sich fast alle einig in diesem Land und in anderen Ländern auch. Die FDP glaubt sie selbst sei Bildung ("mehr FDP = mehr Bildung"(1)), die SPD will Bildungseliten schaffen, die der Gesellschaft als Leuchttürme den Weg weisen sollen(2), die GRÜNEN meinen "gute Bildungspolitik ist immer auch gute Wirtschaftspolitik"(3) für den Standort Deutschland, die neue Linkspartei hält Bildung für die "Investivkraft einer Gesellschaft"(4) und CSU-Wahlkämpfer Stoiber ist der Auffassung, Ostdeutsche hätten zu wenig Bildung, um über das Schicksal Deutschlands zu entscheiden( 5). Letzterer ist wohl ein klassisches Beispiel deutschen Bildungsbürgertums, ausgebildet in den konservativsten Bildungseinrichtungen dieses Landes und deshalb eingebildet bis in die Haarspitzen. Auffällig bleibt aber, Politik und Öffentlichkeit messen dieser Bildung einen großen Einfluss auf unser Leben bei. Tatsächlich finden wir Bildung nahezu überall wieder: Im Bildungsministerium, im Bildungsfernsehen, in der Bildungseinrichtung, bei der Koalitionsbildung, bei der Allgemeinbildung und sogar im Bildungsurlaub.
Wer aber ist sie? Was wollen wir von ihr? Was will sie von uns?
Landläufig sind Schule, Hochschule oder Volkshochschule die Institutionen, an denen in unserer Gesellschaft Bildung erworben wird. Sie werden allgemeinbildend genannt, weil sie - ihrem gesetzlichen Auftrag nach - für das spätere Leben befähigen und erwachsen machen sollen. Ein umfangreiches Wissen oder bestimmte Fähig- und Fertigkeiten kann man natürlich auch ohne Institutionen erlangen, "nützen" tut sie dann aber kaum, da sie nicht attestiert wurde.
Für im Leben früher angesiedelte Institutionen wie Kindergärten, Kindertagesstätten und Vorschulen waren bisher weniger die Bezeichnung Bildungseinrichtungen üblich. Dies ist jedoch gegenwärtig im Wandel begriffen, da immer früher versucht wird, zielgerichtet auf die Entwicklung eines Kindes einzuwirken.
Das Ende eines Bildungsweges ist ebenfalls nicht genau zu benennen. Nach Schulbildung kann sowohl Ausbildung (in einem Unternehmen) als auch höhere Bildung (an einer Hochschule) folgen. Anschließend bleibt nur noch die Weiterbildung (betrieblich oder vom Arbeitsamt verordnet).
Strukturell besteht ein üblicher Bildungsweg heute aus zwei wesentlichen Teilen. Von frühen Kindesbeinen an übernimmt man, zunächst von ErzieherInnen, später dann von LehrerInnen begleitet, die Konventionen der Gesellschaft, von ihren Kommunikationsweisen bis hin zu ihren Wert- und Grenzvorstellungen. Genannt wird dies Allgemeinbildung. Ab den weiterführenden Schulen oder der Ausbildung verschiebt sich das Ziel des institutionalisierten Lernens. Alles ist dann darauf gerichtet innerhalb der gesellschaftlichen Ordnung und Regeln einen speziellen Platz für die heranwachsenden Menschen zu finden.
Wieso ist das so?
Staatliche Bildung, so wie wir sie gewohnt sind, hat zum Ziel die Menschen in die Gesellschaft einzugliedern. Die freie und persönliche Entfaltung eines Menschen tritt gegenüber seiner Funktion als Zahnrad im System zurück. Das öffentliche Bildungswesen folgt der Prämisse der Verwertbarkeit des Ergebnisses. Es ist nur dann erfolgreich, wenn das, was den Menschen beigebracht wurde, dem Erhalt der gesellschaftlichen Umstände dient. Wie diese Umstände aussehen ist vor bald 150 Jahren trefflich analysiert worden(6).
Seit der Ära Kohl gibt es wieder eine stetig voranschreitende Entwicklung, die Risiken der (Aus)Bildung weiter auf die einzelnen Menschen abzuwälzen. Die Globalisierung nach neoliberalen Muster verschärft in den letzten Jahren diese Tendenz zunehmend. Der Begriff "lebenslanges Lernen" umschreibt heute die Pflicht eines Menschen, sich als attraktive Arbeitskraft immer an die gerade herrschenden, sich immer schneller ändernden Erfordernisse des Arbeitsmarktes anzupassen. Auch Studiengebühren, Schulgeld (bzw. im ersten Schritt Abschaffung der Lehrmittelfreiheit) oder die Abschaffung des Kündigungsschutzes wälzen Kosten und Risiken auf die Einzelnen ab. Der Profit bei den Wohlhabenden stärkt sich dadurch noch, denn sie tragen so immer weniger zur solidarischen Finanzierung von Bildung, Krankenversicherung, etc. bei.
Sich als einzelner Mensch gegen dieses System aufzulehnen ist unmöglich, da mensch dann unvermeidlich im Wettbewerb um Arbeitsplätze leer ausgeht, nur noch bedingt an der Gesellschaft teilhaben kann und in letzter Konsequenz seine Lebensfähigkeit verliert. Durch die Konzentration von Macht und Geld auf kleine Teile der Gesellschaft wird der Rest von diesen abhängig und muss sich nach ihrer Blaupause des "Arbeitnehmers" bilden, um zu überleben. Diejenigen, die sich nicht einfügen können oder wollen, werden aus der Gesellschaft ausgegliedert und dienen als abschreckendes Beispiel für Andere. Beispiele dafür sind Hartz IVEmpfänger, Langzeitstudierende oder politische Gefangene.
Die Herrschenden erziehen Menschen also, um ihre Herrschaft zu erhalten, um ihnen einen möglichst passenden Platz zu verschaffen, der dazu beiträgt, die eigene Macht und eigenen Möglichkeiten weiter zu festigen. Sie tun das und sie nennen diese Formung von Menschen - Bildung.
Doch es gab schon andere, wesentlich freiere, Vorstellungen von Bildung
Das dtv-Lexikon enthüllt uns folgendes: "Bildung ist Vorgang und Ergebnis einer geistigen Formung des Menschen, in der er als instinktmäßig nicht festgelegtes Wesen in Auseinandersetzung mit der Welt, bes. mit den Gehalten der Kultur, zur vollen Verwirklichung seines Menschseins, zur "Humanität" gelangt; das hierbei zugrunde liegende Bildungs- Ideal ist in seinen Inhalten gesellschaftlich- kulturell bedingt und geschichtlich wandelbar. [...]"(7)
Dieser Bildungsbegriff geht maßgeblich auf W. v. Humboldt zurück, der Selbstbestimmung als fundamentalen Bestandteil von Bildung definierte. Bildung musste für ihn frei von äußeren Zwängen erfolgen, also zum Beispiel ohne die Notwendigkeit, mit dem Erlernten später Geld zum Überleben verdienen zu müssen. War dies aber der Fall, benutzte er den Begriff Ausbildung. Das heutige Bildungswesen würde deshalb, ginge es nach der Definition Humboldts, die Menschen nicht bilden, sondern nur ausbilden.
Was Humboldts Idee von Bildung aber mit der heutigen gemeinsam hat ist das Ziel. Es ging und geht um nationale Interessen. Humboldt war der Meinung, nur selbständige und kritische Menschen würden die Macht Preußens im Europa des 19. Jahrhunderts vergrößern. Heute sollen angepasste, arbeitsame Menschen dem "Wirtschaftsstandort Deutschland" zu neuer Blüte verhelfen.
Mächtige Nationen und florierende Wirtschaften nützen aber nur wenigen Menschen in Politik und Wirtschaft. Die große Mehrheit der Menschen aber bekommt von Macht und Reichtum wenig ab, sondern muss durch Kriege oder härtere und längere Arbeit oft noch darunter leiden. Die Vorstellung von dem, was sich hinter dem Begriff Bildung verbirgt, kann so schön klingen wie sie will. Solange das gesellschaftliche Ziel nicht stimmt, wird Bildung immer Erziehung und Anpassung bedeuten und die große Masse der Menschen unfrei und abhängig vom Willen Mächtigerer bleiben.
Diese Verhältnisse von Unterdrückung und Ausbeutung gilt es zu überwinden. Wir streben nach dem utopischen Wunsch eines friedlichen, freien, selbstbestimmten und die menschlichen Lebensgrundlagen bewahrenden Zusammenlebens der Menschen. Jeder einzelne soll von äußeren Zwängen emanzipiert in einem herrschaftsfreien Verhältnis zu seinen Mitmenschen stehen.
Bildung im eigentlichen Sinne ist der Weg zu diesem Ziel. Sie ist ein auf individuelle Motivation aufbauender Erkenntnisprozess, der vom fremdbestimmten zum selbstbestimmten, vom unbewussten zum bewussten, vom verklärten zum aufgeklärten, vom unmündigen zum mündigen Leben führt. "Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!"(8) heißt das bei Kant.
Als Erkenntnisprozess hin zu selbstbestimmten Denken und Handeln kann Bildung keinem äußeren Zwang unterliegen. Äußere Zwänge sind in diesem Prozess nicht enthalten, sie wirken ihm entgegen. Bildung unter äußeren Zwängen ist also keine Bildung.
Um auf eine progressive Gesellschaftsentwicklung hinzuwirken, muss Bildung, also ein Umfeld des Anreizes zu kritischem, selbstbestimmten Denken und Handeln, allen Menschen frei zugänglich sein. Je freier das gegenwärtige Erziehungswesen (KitA, Schule, Uni, etc) ist, desto näher kommt es dem emanzipatorischen Charakter von Bildung, desto größer ist der Erkenntnisprozesses der kollektiv daran Beteiligten. Je mehr Menschen daran beteiligt sind, desto größer wird ihre gesellschaftliche Kraft, desto realistischer wird die gesellschaftliche Utopie von freien selbstbestimmten Wesen und ihrem friedlichen Zusammenleben.
Bildung führt automatisch zur Überwindung der gesellschaftlichen Verhältnisse, zur Überwindung von Fremdbestimmung und Unmündigkeit. Bildung ist Revolution!
(1) Wahlplakat der FDP im Bundestagswahlkampf 2005
(2) 2004 plante das SPD-geführte Bundesbildungsministerium unter dem Titel "Deutschland sucht die Super-Uni" die Einrichtung und millionenschwere Förderung von 10 ausgewählten Elite-Universitäten.
(3) Die neue Bildungspolitik - Soziale Gerechtigkeit, Leistung und Verantwortung, Kapitel 3 des Wahlprogramms von Bündnis 90/DIE GRÜNEN zur Bundestagswahl 2005.
(4) Bodo Ramelow, Wahlkampfmanager der Linkspartei im Eröffnungsplenum der 9. Bildungspolitischen Konferenz der PDS vom 3. bis 5. Juni 2005 in Weimar.
(5) "Nur die dümmsten Kälber, wählen ihren Metzger selber", Stoiber in einer Rede während des Bundestagswahlkampfes 2005 über Ostdeutsche.
(6) "Das Kapital" von Karl Marx erschien ab 1867.
(7) dtv-Lexikon, Deutscher Taschenbuchverlag, 1997, Band 2 , S. 266.
(8) Immanuel Kant, in: Berlinische Monatsschrift. Dezember-Heft 1784. S. 481-494.
Jan Bönkost aus Bremen,
Fredrik Dehnerdt aus Hamburg,
Johannes Gütschow aus Baunschweig
Dies ist die bundesweite Seite der Internetplattform von Uebergebuehr. Uebergebuehr beleuchtet Bildungspolitik kritisch und arbeitet außerparlamentarisch auf ein freies, demokratisches und emanzipatorisches Bildungswesen hin.

(Rainer Wendt, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft)