
(...) Die aktuelle Bildungsdebatte hat etwas Groteskes. Denn während einerseits das Wort von der Wissensgesellschaft in aller Munde ist und überall die Notwendigkeit von Bildung beschworen wird, wird andererseits ihre Finanzierung immer weiter zurück gefahren. (...) Das ist erklärungsbedürftig. Das ‚Feld ' Bildung steht in einem Spannungsfeld zwischen seiner gesellschaftlichen Funktionalität - sprich wirtschaftlicher Verwertbarkeit - einerseits und dem Postulat von Bildung als Selbstzweck zur Entfaltung des Menschen andererseits, dem sog. Humboldtschen Bildungsideal.( siehe Artikel Bildungsbergriff) Inzwischen ist es in den Allerweltsverstand hinabgesunken, dass Bildung eine volkswirtschaftliche Ressource darstellt und als solche vom Staat bewirtschaftet werden will. Der Staat steckt bei der Verwaltung der Bildung in der Zwickmühle, dass sie zwar auf der einen Seite einen - zunehmend wichtigeren - Faktor im internationalen Standortwettbewerb darstellt, auf der anderen Seite jedoch ein Kostenfaktor ist, der nach dem bisherigen System aus Steuereinnahmen finanziert werden muss.
Rückblick: Die Bildungsreform der 60er Jahre
Im Rahmen der Bildungsdebatte in der BRD seit Anfang der 60er Jahre spielte diese Zwickmühle eine nachgeordnete Rolle. Die deutsche Wirtschaft verzeichnete in dieser Zeit Wachstumsraten von bis zu 9%. Diese beruhten v.a. auf einem exportstarken qualitativ hochwertigen Industriesektor. Dem entsprach die soziale Zusammensetzung der Bevölkerung und auch das Bildungssystem. Das dreigliedrige Schulsystem, das bis heute Bestand hat, festigte und reproduzierte die soziale Differenzierung durch seine frühe Selektion. Während sich aus den Haupt- und Realschulen die klassischen fordistischen Industriearbeiter rekrutierten, bildeten die Universitäten v.a. Funktionseliten (Ingenieure, Manager, usw.) aus. Jedoch erhöhte sich in den 60er Jahren der Bedarf an gut qualifizierten Facharbeitern in dem Maße, dass das Bildungswesen mit seinen starken sozialen Selektionsmechanismen die Nachfrage nicht mehr decken konnte. In diesem Kontext steht die Bildungsdebatte der 60er und 70er Jahre. Die Hochschulen wurden nun geöffnet. 1970 wurden die Studiengebühren abgeschafft. Die Einführung des BAföG verringerte die schichtspezifischen Zugangsbarrieren zusätzlich. Der Anteil der ArbeiterInnenkinder an der Zusammensetzung der Studierenden erhöhte sich von 6% 1963 auf 16% 1982. Der Staat übernahm jetzt weitestgehend die Bildungskosten. Die Bildung wurde in dieser Zeit als sozialpolitisches Instrument entdeckt. Denn die Erweiterung der Studierendenschaft an Unis und Fachhochschulen konnte nur unter Einbeziehung breiterer Schichten erreicht werden. Deshalb wurde der Versuch unternommen, über die Bildungspolitik die soziale Mobilität von Kindern aus unteren Schichten zu erhöhen.(...) Die expandierende Wirtschaft und das expandierende Bildungswesen bedingen sich also gegenseitig. Das extensive Wirtschaftswachstum erlaubte dem Staat die gesellschaftliche Infrastruktur - zu der auch die Bildung gehört - immer weiter auszubauen. Zugleich ist diese Infrastruktur Bedingung für den Erfolg der deutschen Wirtschaft. Weiterhin sicherte das dreigliedrige Schulsystem mit seinen frühzeitigen Selektionsmechanismen eine Unterschicht von Industriearbeitern, während die Anzahl der Studierenden erhöht und damit die Nachfrage nach gut ausgebildeten Fachkräften bedient werden konnte. (...) Schon immer diente Bildung also zur Ausbildung von ökonomischen Humanressourcen. Trotz allem ließ das System seit den Bildungsreformen der 60er Jahre größere Freiheiten innerhalb des akademischen Betriebs zu.
Die doppelte Krise des Bildungssystems
Dieses System gerät jedoch spätestens in den 80er Jahren in eine Krise, die es bis heute nicht überwunden hat. Die Ausgaben des Staates haben sich in den 60er und 70er Jahren weiter erhöht. Zugleich brechen jedoch die Gewinne der Unternehmen und mit ihnen das Wachstum v.a. im Industriesektor ein. Das Verhältnis zwischen Investitionen und Gewinn (Profitrate) reduziert sich dramatisch nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. In Deutschland geht die Profitrate im Industriesektor bis zum Ende der 80er Jahre um 65% zurück im Vergleich zu ihrem Höchststand im Jahr 1955. (Brenner: S. 151) Der Staat reagiert auf diese Entwicklung mit immer weiteren Steuerentlastungen für die Unternehmen, kann die Entwicklung damit jedoch nur abmildern. Die Ausgaben des Staates steigen also, während die Steuereinnahmen dieser Entwicklung nicht folgen können. Der Anteil der Gewinnsteuern an den gesamten Steuereinnahmen reduziert sich von 32% im Jahre 1977 auf ca. 12,3% im Jahr 1998. Während z.B. die USA auf diese Entwicklung mit einer massiven Ausweitung des Haushaltsdefizits reagieren sprich Schulden machen, versuchen der deutsche Staat ebenso wie die Länder und Kommunen diesen Einschnitt zu kompensieren, indem sie versuchen ihre Ausgaben in allen Bereichen zu senken oder zumindest stabil zu halten. Dies gelingt jedoch nur bedingt und es kommt zu einem kontinuierlichen Anstieg des Haushaltsdefizits. Im Jahr 2003 belaufen sich die angehäuften Staatsschulden auf 1.300 Mrd. Euro. Bis zu 20% des Haushaltes wird zur Zinszahlung verwendet. Der Staat ebenso wie Länder und Kommunen gerät zunehmend in die Klemme, einerseits die gesellschaftliche Infrastruktur aufrecht erhalten zu müssen, auf die die Wirtschaft angewiesen ist, andererseits hierfür immer weniger Mittel von der Wirtschaft abschöpfen zu können und zu wollen. Denn auch innerhalb dieser Logik sind es weiterhin politische Entscheidungen, durch die Prioritäten gesetzt werden. So hat in der Steuerpolitik der letzten Jahre eine massive Entlastung von höheren Einkommen stattgefunden. Allein die aktuelle Steuerreform mit der Absenkung des Spitzensteuersatzes von 47% auf 42% hat Verluste um ca. sechs Milliarden Euro gebracht und entlastet v.a. die BezieherInnen von Jahreseinkommen zwischen 500.000 und 1.000.000 Euro. So wird eine ständige Umverteilung von unten nach oben organisiert. Auch wurde der Militärhaushalt aus der Sparpolitik ausgeklammert und für die Jahre 2003 bis 2006 auf 24,4 Milliarden Euro festgeschrieben. So finden innerhalb der allgemeinen Sparlogik Prioritätensetzungen statt, die durch politische Kämpfe veränderbar sind. Die gesellschaftlichen Umbrüche führen jedoch auch zu einer veränderten Bestimmung dessen, was Aufgabe von Bildung sein soll. Denn mit dem Bedeutungsverlust der Industrie, der mit einem Bedeutungszuwachs des Dienstleistungssektors einher geht, findet auch eine Umwälzung der Anforderungen an das Bildungssystem statt. Der European Roundtable of Industrialists (ERT) bringt diese Veränderung auf den Punkt: "Erfolgreiche Kandidaten für traditionelle Berufe können natürlich durch eine frühe Spezialisierung in der Schule, vielleicht gefolgt von einer Ausbildung, produziert (produced) werden. Aber es muss eine Garantie geben, dass dieser Beruf auch noch nach Jahren da sein wird. Dieses System war gut für die langsame Vergangenheit, aber heute ist es unangemessen." Und weiter: "Arbeitgeber brauchen Menschen mit Selbstdisziplin, die sich an ständige Veränderungen anpassen können und endlosen neuen Herausforderungen gewachsen sind", (ERT: "Towards the learning society "). Was hier bereits 1995 antizipiert worden ist, wird zunehmend zur Realität. Es geht um die Auflösung des Normalarbeitsverhältnisses und um das Ende kontinuierlicher Arbeitsbiogra-phien. Der klassische fordistische Arbeiter, der auf der Grundlage von einmal erworbenen Kenntnissen ein Leben lang eine Arbeit verrichten kann, gehört der Vergangenheit an. Im Zeitalter von ‚flachen Hierarchien ' und just in Time Produktion geht es nicht mehr darum den Menschen in tayloristisch zergliederte Arbeitsabläufe zu pressen, die möglichst monoton verrichtet werden können, sondern darum, den Menschen in seiner ganzen Persönlichkeit der Arbeit zu unterwerfen, oder wie es im Managementdeutsch heißt: Es geht darum das Gold in den Köpfen der Menschen zu heben. Darauf ist jedoch das bisherige Bildungssystem, mit seiner frühen Selektion und der damit verbundenen geringen Qualifizierung nicht abgestimmt. (...)
Verschiedene Antworten
Die Politik hat also zwei zentrale Probleme ausgemacht: Das Bildungswesen ist unterfinanziert und nicht angemessen an den wirtschaftlichen Anforderungen ausgerichtet. Als Antwort auf diese Probleme lassen sich im wesentlichen drei Stränge ausmachen. (...)
I. Reform der Studienstruktur: ‚lebenslanges Lernen'
Der wichtigsten Ansatz zur Reformierung der Studienstrukturen ist das Konzept des 'lebenslangen Lernens '. Was sich oberflächlich betrachtet zunächst als ein emanzipatorischer Begriff ausnimmt, hat es jedoch wahrhaft neoliberal in sich. Was sich nämlich hinter diesem Begriff verbirgt ist das Konzept der 'employability ', was übersetzt Beschäftigungsfähigkeit heißt. Peter Hartz, dessen sozialpolitischen Vorstellung inzwischen Gesetzkraft erlangt haben, formuliert das so: "eine neue Jobmoral, in der sich die Menschen nicht nur als Inhaber ihrer Arbeitskraft verstehen (...), sondern die Verantwortung für ihre Beschäftigungsfähigkeit übernehmen, also sich als ‚workholder ' als Bewahrer und aktiver Entwickler ihrer Chancen und Arbeitsplätze verhalten ". Um für diese Aufgabe gerüstet zu sein, "muss den Menschen gelehrt werden, wie man denkt und lernt" (ERT). Und damit wäre auch schon fast abschließend die Aufgabe des Bachelor umrissen oder wie es das 'Centrum für Hochschulentwicklung' (CHE) ausdrückt: "Eine zentrale Funktion von Bachelorstudiengängen unabhängig vom Studienfach, besteht darin, die Lernfähigkeit der Studierenden auf hohem Niveau zu entwickeln (...) damit sie den Anforderungen ständiger Weiterqualifikation zum Erhalt ihrer Berufsfähigkeit (...)Rechnung tragen können." Die Bildungsreformen als Hartz V. Es ist klar, dass hier nicht die möglichst freie Entfaltung des Menschen auf dem Programm steht. Nicht mehr die gesellschaftlichen Verhältnisse sollen dem Menschen - sondern anders herum der Mensch soll den gesellschaftlichen Verhältnisse angepasst werden. Das Leitbild dieser Bildungsreform ist die Ich- AG, der selbstverantwortliche Arbeitskraftunternehmer, der die Bildung als "hochrentable Investition in die eigene berufliche und private Zukunft " begreift. (Lutz Stratmann, Nds. Bildungsminister) Dass der Mensch sich einem solchen Leitbild nicht ohne Angst und äußeren Druck anpasst, versteht sich aus dem Kontext des Startmannzitats von allein: Es geht um die Rechtfertigung von Studiengebühren. In diesem Zusammenhang sind die Ankündigung der BildungsministerInnen durchaus ernst zu nehmen, die eine Erhöhung der Studierendenzahlen versprechen. Mit dem verstümmelten Studiengang des Bachelor können größere Zahlen von Studierenden in immer kürzerer Zeit durch die Universität geschleust werden. Die Studiengebühren werden ihr übriges tun, um den Wunsch nach einer möglichst kurzen Verweildauer in der Universität auch bei den Studierenden zu verankern. Der Master, der in Niedersachsen nur für 50% der BachelorabsolventInnen offen stehen soll, wird so von ganz allein zu einem Elitenförderungsprogramm. Dies kann sogar teilweise kostenneutral geschehen, durch eine Umverteilung der Finanzen weg von der breiten Massenbildung, die durch den Bachelor immer weiter formalisiert und damit verschult wird, hin zur Elitenbildung in den ausgedünnten Masterstudiengängen. Das Konzept Bachelor wird also nur verständlich, wenn man es im Zusammenhang mit dem Konzept des 'lebenslangen Lernen ' betrachtet. Es geht dabei um eine Neujustierung des Bildungssystems und die Schaffung von zunehmend unsichereren Arbeitsverhältnissen auf die der Mensch mit mehr 'Flexibilität ' antworten soll. Damit ist es Teil des neoliberalen Umbaus der Gesellschaft.
II. Finanzierung
Der zweite Strang umfasst die Bildungsfinanzierung, die durch die bewusst leer gesparten öffentlichen Kassen nicht mehr zu leisten ist. Daher wird erstens versucht das Studium durchzurationalisieren, also die Kosten pro Studierenden in der Masse zu senken und zweitens weitere Geldquellen aufzutun. (Studiengebühren, Drittmittelanwerbung, etc) (...)
III. Vermarktung der Bildung
Der dritte und mitunter brisanteste Strang wird in der Öffentlichkeit gern unter dem Begriff ‚Privatisierung der Bildung ' verhandelt. (...) Es geht dabei um die Zurechtstutzung der Bildung zu einem marktförmigen Gut. (...) Dieser Prozess könnte einen Wandel einleiten, dessen tiefgreifenden Konsequenzen wir noch nicht einmal erahnen können. Wie bereits oben geschildert, sinken die Gewinnerwartungen im Industriesektor seit über 30 Jahren kontinuierlich. Deshalb macht sich das Kapital zunehmend auf die Suche nach neuen Anlagemöglichkeiten. (...) Dabei gerät die Bildung zunehmend in den Fokus wirtschaftlicher Interessen. Immerhin werden nach Schätzungen der 'Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung' (OECD) weltweit 1,9 Billionen Dollar jährlich im Bildungsbereich umgesetzt. Erschien dieses gewaltige Volumen bisher in erster Linie als Belastung für den Staatshaushalt, wird es in den letzten Jahren zunehmend als Anlagemöglichkeit entdeckt. In diesem Zusammenhang werden mit Blick auf die Pisa-Studie auch einige Dinge verständlich. Diese hatte ja bekanntlich gezeigt, dass das deutsche Bildungssystem sozial hoch selektiv ist. Vor diesem Hintergrund ist es für den naiven Betrachter zunächst verwunderlich, warum in den bildungspolitischen Debatten wenig in die skandinavischen Länder geschaut wird, die in dieser Frage recht passabel abgeschnitten hatten, sondern das angelsächsische und v.a. das australische Bildungswesen als Vorbild herangezogen wird. Das wird erst verständlich, wenn man sich vor Augen führt, dass es beim Bolognaprozess in erster Linie um die "Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Hochschulraums " (Bologna´99) geht. Hier geht es implizit um die Konkurrenz zu Ländern wie USA oder Australien. Immerhin erwarben ausländische Studierende 2003 in den USA für 13,6 Milliarden Dollar Bildungsdienstleistungen. Das ist fast die Hälfte aller Einnahmen, die die OECD Staaten 1999 im Handel mit Hochschuldienstleistungen erwirtschaftet haben (ca. 30 Milliarden). In Australien machen die "Einnahmen durch ausländische Studierende rund 12 Prozent der Außenhandelsbilanz aus." (Deutschlandfunk 8.9.03) Großbritannien und Australien setzen dabei v.a. auf den Export von modularisierten Studiengängen. Die Gewinne stammen hauptsächlich aus Schwellenländern, die sich, meist nachdem die 'Welthandelsorganisation' (WTO) sie im Rahmen von sogenannten Strukturanpassungsprogrammen verpflichtet hatte, die eigenen Hochschulen kaputt zu kürzen, den ausländischen Anbietern geöffnet haben. Johanna Witte vom CHE hat 2001 für den "Deutschen Akademischen Austauschdienst " (DAAD) untersucht, "was deutsche Hochschulen von den ausländischen Vorreitern auf diesem Feld lernen können ". Es ist die selbe Johanna Witte, die im Juni 2003 "Das Positionspapier II zu Bachelor und Masterstudiengängen" des CHE mit vorgelegt hat, in dem Empfehlungen zur Umsetzung des Bolognaprozesses gemacht werden. In ihrer Untersuchung von 2001 stellt sie fest, dass als wesentliche Voraussetzung für den Export der Studiengänge "die Lehrinhalte in Form von modularisierten Einheiten aufbereitet sein" müssen. Ein weiterer "Hauptknackpunkt " sei, "wie die Gleichwertigkeit der Abschlüsse (...) gesichert werden" könne. Damit wären dann auch alle zentralen Aspekte des Bolognaprozesses benannt: Modularisierung, und die "Einführung eines Systems leicht verständlicher und vergleichbarer Abschlüsse " (Bologna ´99) (...). Die Bildung selbst ist also zum Objekt wirtschaftlicher Interessen geworden. Nicht wie bisher nur ihre Ergebnisse, (hochqualifizierte Arbeitskräfte und Forschungsergebnisse), sondern die Bildung als Ware, als Dienstleistung, soll der Kapitalverwertung nutzbar gemacht werden und damit der deutschen Wirtschaft aus der Talsohle helfen. Hierbei wird auf den bereits existierenden riesigen Markt gesetzt, aber auch auf die weitere Zunahme der Relevanz von Bildung für jedeN einzelneN. Denn wenn Fort- und Weiterbildung zum entscheidenden Faktor der Employability werden, geht es nicht mehr um den Luxus etwa der "Universität im dritten Lebensalter", sondern um die existenzielle Frage, ob man in dem immer raueren Klima des Arbeitsmarktes bestehen kann oder nicht. Wichtiger Motor dieser Entwicklung ist also schlicht Angst. Denn in dem Moment, wo der Zugang zur Bildung für die Menschen zu einer solch existenziellen Frage wird, lohnt es sich die Bildung zu verknappen und damit zur Ware zu machen. Genau dieser Prozess ist in vollem Gange. Dabei ist natürlich auch die aktuelle GATS - Runde relevant, in der über die Liberalisierung des Bildungssektors in den Metropolen verhandelt wird. Doch auch ganz unabhängig davon existiert bereits ein riesiger Bildungsmarkt, an dem die europäischen Staaten offensichtlich Interesse haben zu partizipieren. Insgesamt erscheint es klar, dass wir es mit einem widersprüchlichen Prozess zu tun haben. Eine wirkliche Weiterentwicklung z.B. von Institutionen des 'lebenslangen Lernens ' kann jedenfalls nicht kostenneutral geschehen. Auch ist es einigermaßen evident, dass Studiengebühren den Hochschulzugang für die breite Masse erschweren. Allein die laufende Debatte um ihre Einführung schreckt nach einer Studie der KMK bereits ab.(...). Kostenreduzierung und Vermehrung der Studierendenzahlen schließen sich langfristig also eigentlich aus. Trotzdem wird beides versucht. (...)
Was tun?
Wir müssen uns die Frage jedoch ohnehin anders herum stellen. Wir dürfen uns nicht fragen, welche Bildung die Wirtschaft von uns verlangt. Im Vordergrund muss die Frage stehen, welche Bildung möchten wir. Was kann lebenslanges Lernen noch bedeuten, außer dem ständigen Rattenrennen um mit meinen Qualifikationen ständig up to date zu sein? Wie ist lebenslanges Lernen als emanzipatorischer Prozess denkbar, der das eigene Leben begleitet und reflektiert? Wie ist Bildung als Selbstbewusstwerdungsprozess denkbar? Emanzipation hat immer den Abstand zu den gesellschaftlichen Verhältnissen zur Voraussetzung, da nur durch einen solchen ein eigenständiger und unideologischer Meinungsbildungsprozess stattfinden kann. Gerade in Zeiten, in denen Bildung also aus ökonomischen Gründen abgeschafft wird, und sich in einen reinen Zulieferbetrieb verwandelt, gilt es auf ihre Wichtigkeit für die Entwicklung des Menschen zu beharren und sich gegen ihre Degradierung zur Ausbildung zu wehren. Dabei darf man sich auch nicht von den ökonomischen Sachzwängen Irre machen lassen - im Gegenteil müssen wir offensiv mit ihnen brechen. Denn der oben beschriebene ökonomische Prozess beruht gerade nicht auf Mangel, sondern auf Überfluss. Es sind im Wirtschaftsjargon sogenannte "Überkapazitäten und Überproduktion " (Brenner, S.152), die die Wirtschaft weltweit in die Knie gezwungen haben. Es ist also gerade das "Überangebot " an stofflichem Reichtum, also an real verfügbaren Gütern, wegen dem wir sparen sollen. Das ist irrational und schlichtweg abzulehnen. Es wird also höchste Zeit eigene Vorstellungen zu entwickeln, was Bildung sein, und wozu sie dienen soll. Nur dann können wir den aktuellen Angriffen auf unsere Bildung mit den Namen Bolognaprozess und Studiengebühren etwas positives entgegensetzten. (...) An dieser Stelle wäre auch einmal zu Fragen, was von einer Gesellschaft zu halten ist, deren zentrales Movens mehr und mehr die Angst ist. Dafür gibt es jedoch keine Blaupausen, sondern so etwas ist nur in einem gemeinsamen Prozess möglich. Eines sollte indes deutlich geworden sein: so wie es ist, kann es jedenfalls nicht weiter gehen.
Dieser Artikel stellt eine gekürzte Fassung des Originals dar. Der vollständige Text steht unter www.bb-goettingen.de
Kalle Kunkel, Göttingen
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(Voltaire, Philosoph)