Hochschulzugang

In letzter Zeit wird viel über Studiengebühren geredet. Eine Frage, die selten aufgeworfen wird, ist wie mensch überhaupt in die Lage kommt, Studiengebühren zahlen zu dürfen. Diese Frage ist aber im Prinzip noch wichtiger als die Frage der Gebühren, denn sie betrifft noch einen größeren Personenkreis, nämlich alle jungen Menschen. Auch hier gibt es viele interessante Entwicklungen. Mit diesen und einigen etablierten, aber trotzdem nicht weniger interessanten Regelungen beschäftigt sich dieser Artikel.

Bisher konnten sich Menschen - einmal vom Schulsystem, auf dessen Selektionsfunktion dieser Artikel nicht eingeht, als studierfähig befunden - relativ ungehindert an den Hochschulen einschreiben, nur für einige Fächer gab es die ZVS, die Studierende je nach Abiturnote auf verschiedene Hochschulen verteilte.

Zusätzlich gab es für einige Studiengänge einen - je nach Hochschule verschiedenen - Numerus Clausus (NC), also Mindestabiturnoten um angenommen zu werden. Nur in wenigen Fächern, beispielsweise Kunst oder Musik, waren Eignungstests üblich.

Neue Kriterien, neue Hürden

In letzter Zeit werden immer mehr Studiengänge durch einen NC zulassungsbeschränkt, zusätzlich erhalten die Hochschulen immer mehr Möglichkeiten, sich Studierende für diese Studiengänge selbst auszusuchen. In Hamburg und Niedersachsen (und anderen Bundesländern) wurden beispielsweise Gesetze [1][2][3][4] verabschiedet, nach denen die Hochschulen

einen Katalog von Kriterien zur Auswahl der Studierenden anwenden dürfen. Dazu gehören gewichtete Abiturnoten, praktische Tätigkeiten, schriftliche Einstellungstest, Auswahlgespräche oder schriftliche Motivationsbekundungen. Einige Kriterien, wie Berufsausbildungen oder andere praktische Tätigkeiten können durchaus sinnvoller sein als Abiturnoten. Auch gewichtete Abiturnoten klingen erst mal ganz praktisch, könnte es doch sein, dass schlechte Mathe und Bionoten nun einem Germanistikstudium nicht mehr im Weg stehen. Doch die Praxis zeigt, beispielsweise an der Uni Bremen, dass es eher andersherum funktioniert. Dort braucht mensch nun 10 Punkte in der letzen Mathenote um Soziologie oder Politik studieren zu dürfen. Für Geschichtswissenschaft braucht man ein großes Latinum, das beispielsweise in NRW in der Schule gar nicht mehr erworben werden kann.

Schlimmer wird es noch bei den anderen Kriterien. Ein Einstellungstest wird wichtiger als 13 Jahre Schule, wer im Auswahlgespräch einen guten Tag hatte, darf studieren, wer einen schlechten hatte nicht. Die Krone setzt dem ganzen das Kriterium der "schriftlichen Motivationsbekundung" auf. In Zukunft ist es also wichtig, wieso Menschen studieren wollen. Wer sich einfach interessiert, ist vielleicht weniger attraktiv für die Hochschule als jemand der schnell Karriere machen will, wer sich überhaupt schlecht verkauft, hat gleich verloren.

Dadurch ergibt sich ein ganz neuer Markt für Dienstleistungen, die das Bestehen der Einstellungstest, Auswahlgespräche und Motivationsbekundungen garantieren sollen. Wer Geld für Bücher, Bewerbungstraining und private Nachhilfe oder Repetitorien hat wird leichter an Studienplätze kommen als Menschen, die sich selbständig vorbereiten oder gar nebenbei arbeiten müssen und so wenig Zeit haben. Doch nicht nur solche Dienstleistungen erhöhen die soziale Selektivität des Hochschulzuganges. Auch die Test selber werden bald Geld kosten, denn die Universitäten wollen die zusätzliche Arbeit nicht bezahlen. So ein einstündiges Auswahlgespräch mit Einstellungstest kann dann schon mal 100€ oder mehr kosten. Dazu kommen noch Unterkunft und Verpflegung. Wer sich an mehr als einer Hochschule bewerben will muss also über entsprechende finanzielle Ressourcen verfügen. Aber vielleicht gibt es ja bald neben Studienkrediten auch Studienbewerberkredite mit denen man Bewerbungstraining und Einstellungstest finanzieren kann. Zu günstigen 9,9% Zinsen versteht sich. Oder die Universitäten erlassen den angenommenen BewerberInnen und Bewerbern die Gebühren - es lebe der Sozialdarwinismus.

Das gesamte Verfahren müssen Studierende zukünftig mehrmals durchlaufen, denn spätestens beim Übergang zum Master muss sich wieder beworben werden. Ein Platz ist keinesfalls sicher, in Niedersachsen sollen beispielsweise an jeder Hochschule die Zahl der Master Studienplätze nur 50% der Bachelor Studienplätze betragen. Auch ein Einführungsjahr, nach dem es erneute Prüfungen und Eignungstest geben soll wird diskutiert [5] und auch schon eingeführt. An der TU Braunschweig soll man beispielsweise in allen Bachelor und Master-Studiengängen im ersten Jahr mindestens 50% der Creditpoints erreichen, um weiter studieren zu dürfen.

Der Staat spart, der Wettbewerb gewinnt

Die neuen Verfahren der Studienplatzvergabe verstärken die Selektion beim Hochschulzugang. Bevorzugt werden neben fachlich vermeintlich guten BewerberInnen jene, die angepasst an das Prinzip der "Eigenverantwortung", also bereit und in der Lage die Finanzierung ihres Studiums selbst in die Hand zu nehmen, sind, sprich Gönner haben oder Kredite aufnehmen. Treffen tut die Regelung - mal wieder - diejenigen, die weniger finanzielle Möglichkeiten haben oder weniger angepasst sind. Selbst der Wissenschaftsrat, auf dessen Empfehlungen zum Hochschulzugang [5] viele der Gesetze zurückgehen, sieht die Gefahr erhöhter sozialer Selektivität, besonders bei Auswahlgesprächen [5, s. 48].

Ein weiteres Beispiel für den willkürlichen Ausschluss Unerwünschter gibt der Entwurf zum Niedersächsischen Hochschulgesetz (NHG). Den Hochschulen soll die Möglichkeit gegeben werden. Menschen die "als eine Gefährdung für den Hochschulbetrieb [...] anzusehen sind" [6, s.30] nicht aufzunehmen. Begründet wird das mit den Attentätern auf das WTC, die zum Teil noch kurz vorher an der TU Hamburg-Harburg studiert hatten. Die Hochschulen erhalten so eine gesetzliche Grundlage zum willkürlichen Ausschluss potentieller Störenfriede. Unter die Regelung fallen nicht nur potentielle Terroristen - die ja nicht mal den Betrieb der Uni gestört haben, sondern nur nachträglich den Ruf geschädigt - sondern auch politisch Aktive, die durch Banner, Demos, Rektoratsbesetzungen oder einfach "ungepflegtes Äußeres" stören. In Hamburg ist eine solche Regelung bereits im Hochschulmodernisierungsgesetz festgeschrieben.

Durch die Reform sollen die Hochschulen einen größeren Einfluss auf die Auswahl der Bewerber bekommen. Der Hochschulzugang soll als "Mittel zur Förderung von Profilbildung und Wettbewerb der Hochschulen genutzt werden"[5, s.33]. Durch die Vorauswahl passender BewerberInnen soll die Studiendauer verkürzt und die Abbruchquote verringert werden. Das geht nur auf Kosten der Freiheit in der Studienfachwahl. Als übergeordnetes Ziel gilt der Zweck der Hochschulbildung in Deutschland, die Ausbildung des wissenschaftlichen Nachwuchses auf möglichst kostengünstige Weise. (mehr dazu im Artikel zum Bildungsbegriff)

Kostengünstiger wird die Ausbildung der Studierenden für den Staat sicher werden, es wird auch weniger AbbrecherInnen geben, wer unsicher ist wird gar nicht erst zugelassen. Das zweite Ziel, die Erhöhung der Studienanfänger- und Absolventenzahlen, wird aber - besonders mit der geplanten Einführung von Studiengebühren - wohl kaum erreicht werden. Der Wissenschaftsrat hatte dazu bessere Beratung und Betreuung zur Studienwahl und am Anfang des Studiums gefordert, ob das umgesetzt wird muss sich erst zeigen.

Wider den Sachzwang

Selbst wenn mehr Menschen zum Studieren gebracht würden, wäre die Reform aber noch lange nicht gut. Mit der Reform treten die Interessen der Studierenden weiter in den Hintergrund; ob man gerne Psychologie studieren möchte ist egal, wenn man mehr Talent oder bessere Vorbildung in Chemie hat, muss mensch eben damit vorlieb nehmen. Im Vordergrund der Reform steht der "Wirtschaftsstandort Deutschland" und der will nicht Menschen, die sich für Psychologie interessieren, sondern welche die gut in dem sind, was der Standort braucht - und kostengünstig auszubilden. Ausbildung ist ein Kostenfaktor, was der Staat an ihr spart, kann er den Unternehmen weniger an Steuern abknöpfen und so den Standort attraktiver machen.

Diese Logik ist heute allseits anerkannt, sie begründet das "Sachzwang" Argument, das jedwede Kürzung an Sozial- und Bildungssystem rechtfertigt. Straßen sind wichtig für die Wirtschaft, Jugendzentren eben nicht. Und die Wirtschaft, so hören wir täglich, ist nötig um unseren Lebensstandard zu erhalten, bzw. stetig zu erhöhen. Aber es handelt sich nur um einen materiellen Lebensstandard, geistig werden wir immer unfreier. Wir dürfen wählen, welche Sorte Klopapier wir kaufen, aber nicht was wir studieren möchten. Wir können in Dutzende verschiedene Fastfood-Läden gehen, unser Gemüse aber nicht selbst anbauen. Wir können jährlich größere, flachere, schärfere Fernseher kaufen, dürfen aber nie selbst das Programm bestimmen. Wir dürfen wählen, welche Partei die nächsten vier Jahre die Sozialleistungen kürzt, aber nicht entscheiden ob die EU eine Verfassung bekommt. Wir dürfen den "Aufstand der Anständigen" bilden, aber wenn wir auf der Straße stehen räumt staat uns mit Schlagstöcken und Wasserwerfern aus dem Weg. Kurz: wir dürfen unsere Stimme abgeben, aber erheben dürfen wir sie nicht. Wirtschaftskraft und technischer Fortschritt bringt noch lange keine Freiheit, sie schränken eher ein und lenken durch neue Produkte und Scheinwelten aus Fernsehen, Internet und Computerspielen von unserer Unfreiheit ab. Deshalb zieht das Sachzwangargument nicht, die große Masse leidet nur unter den Reformen.

Alternativen sind möglich!

Nicht nur die Reform des Hochschulzuganges an sich ist aus unserer Sicht falsch; das Ziel, das, sie verfolgt ist viel schlimmer. Jede und jeder sollte frei entscheiden können was, wo und wie lange sie oder er lernen möchte. Menschen sollten in der Lage sein, ihren Interessen und Bedürfnissen nach zu handeln und für sich selbst sprechen zu können. Das kann nur erreicht werden, wenn sie auch selbst entscheiden dürfen, wie sie leben und sich bilden. (siehe dazu auch den Artikel ‚Für einen selbstbestimmten Bildungsbegriff')

Auch wenn völlig freie Bildung zuerst mal völlig utopisch klingt und leider auch ist, gibt es schon einiges am aktuellen Bildungssystem, dass man anders gestalten könnte, um dieser Idee näher zu kommen.

Solange nur beschränkt Studienplätze zur Verfügung stehen, beispielsweise Aufgrund von mangelnden ProfessorInnen oder Laborplätzen könnten sie beispielsweise nicht durch Auswahlverfahren sondern durch das Los vergeben werden. Fächer in denen es zu wenige Plätze gibt müssen dann mehr Mittel erhalten um mehr Studierende aufnehmen zu können.

Studiengänge sollten freier gestaltet werden. Dadurch wird den Studierenden einerseits ermöglicht ihren Interessen besser nachzugehen, andererseits reduziert sich das Problem der beschränkten Kapazitäten, wenn nicht mehr ein ganzes Semester Biologie Studierende gleichzeitig Frösche sezieren muss. Der Übergang von Bachelor zu Masterstudiengängen muss zulassungsfrei sein. Ein stark strukturiertes Konzept wie Ba/Ma widerspricht der Bildung gemäß Interessen und Bedürfnissen und muss auf lange Sicht durch ein flexibleres Konzept ersetzt werden. (Mehr zu Ba/Ma im Artikel zu Bachelor/Master)

Studiengänge müssen wieder universeller werden. Anstatt immer speziellere Studiengänge einzuführen, für die dann ganz bestimmte Eignungsprofile erwünscht - und nach Abschluss des Studiums schon keine so speziellen Arbeitsplätze mehr vorhanden - sind, sollte es nur noch allgemeine Studienrichtungen, oder noch besser gar keine Studienrichtungen, geben. Die Studierenden entscheiden dann völlig frei, was sie lernen möchten. Ein erster Schritt in diese Richtung wäre ein Jahr Studium Generale nach dem erst die Entscheidung für einen konkreten Studiengang getroffen wird, natürlich durch die Studierenden, nicht durch die Hochschulen. Diesen Ideen wird natürlich entgegengesetzt, dass sie nicht umsetzbar seien. Zu hohe Kosten und anpassend für den Arbeitsmarkt ausgebildete AbsolventInnen widersprechen dem Ziel der staatlichen Ausbildung. Da wir dieses Ziel aber gerade ablehnen sind die Argumente nichtig. Sachzwänge zwingen nicht, wenn ihr Prinzip nicht akzeptiert wird. Für die Umsetzung eines neuen Bildungsbegriffs (siehe Artikel zum Bildungsbegriff) ist eine neue Gesellschaft nötig, die sich nicht einfach einrichten lässt. Aber anstatt zu resignieren, den Kapitalismus bis in den letzen

Sachzwang zu analysieren oder über "die Revolution" zu sinnieren sollten wir einfach anfangen einzelne Ideen einer neuen Gesellschaft auszuprobieren. (mehr dazu im Artikel zur OUBS)

Zusammengefasst: Die Reform des Hochschulzuganges ist wirtschaftsorientiert und selektiv, wir sollten uns gegen sie wehren. Mit "es soll so bleiben wie es ist" bleibt es aber schlecht und motivieren tut das auch niemanden. Wir müssen selbst Forderungen stellen, auch wenn sie utopisch sein sollten, nur so können wir zumindest ein wenig erreichen. In diesem Sinne: Bildet euch, bildet andere, bildet Banden und die bitte ohne Einstellungstest.

Johannes Gütschow, Braunschweig

"Der umfassende Begriff der Wissenschaft ist erst dort gewonnen, wo er sich durch die technische Rationalität hindurch zur kritischen Rationalität erweitert hat und wissenschaftliche Erkenntnis nicht als Produktivkraft im Industriesystem aufgeht, sondern als die Kraft realer Emanzipation in die Gesellschaft eingeht. In diesem Sinne gehört es zu den vordringlichsten Aufgaben wissenschaftlicher und politischer Arbeit, die Mittel und Erkenntnisse (…) der Kritik und Kontrolle einer Gesellschaft mündiger Menschen zu unterwerfen, um so der tödlichen Dialektik eines vernunftlosen technisch-ökonomischen Fortschritts zu entgehen."
Kreuznacher Hochschulkonzept der Bundesassistentenkonferenz, 1968


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