
Im Zuge der in den anderen Artikeln deutlich gewordenen Umstrukturierung der Hochschulen stellt die Einführung von Studierendenausweise in Checkkartenformat ein besonderes Werkzeug der Studienreform dar. An dieser Stelle wollen wir einmal einen Blick auf die oft nicht wahrgenommene Schattenseite der damit verbundenen Modernisierung und Technisierung der Hochschulverwaltung werfen. Diese dient nämlich bei weitem nicht bloß dem Zweck der Vereinfachung des Verwaltungsaufwands, sondern in erster Linie der Überwachung der Studierenden und der Kontrolle über ihre Leistungen und somit ihrer wirtschaftlichen Verwertbarkeit.
Oder wundert ihr euch nicht, dass wenn kein Geld da ist um neue Lehrmittel anzuschaffen oder mehr Dozierende einzustellen, plötzlich das Geld für Millioneninvestitionen zur Verfügung steht, welche mit der bundesweiten Einführung der sogenannten "Studi- Cards" oder auch "CampusCards" verbunden sind?
"Na klar, weniger Verwaltungsaufwand und besserer Service für die Studierenden", werden jetzt viele sagen. Doch es gibt auch noch eine andere Seite. Weniger Verwaltungsaufwand bedeutet für die Hochschulen nämlich in erster Linie einmal den Abbau vieler überflüssig werdender Stellen. "Mir doch egal", könnte jetzt wieder argumentiert werden, doch ist der "Service" Gewinn für die Studierenden wirklich so hoch, dass er die Entlassung zahlreicher Angestellter rechtfertigen würde ?
Na klar, die StudiCard macht das Leben erstmal sehr viel einfacher, die Anzahl der mit sich herumzutragenden Karten wird erstmal auf ein Minimum reduziert. Schließlich beinhalten die neuen Multifunktionskarten die Möglichkeit alle studien- und lebensrelevanten Funktionen in einer kleinen Plastikkarte zu vereinen. Außerdem wird durch die Selbstbedienungsterminals die Möglichkeit geschaffen, die benötigten Dokumente wie I-Bescheinigungen, Stammdatenblätter und dergleichen direkt auszudrucken, anstatt sich zu den beschränkten Öffnungszeiten des Studierendensekretariats aus dem Bett zu quälen. Doch genau dies ist der Punkt, den auch die Unileitungen erkannt haben. Für den Anna Normal Studi wird erstmal augenscheinlich alles bequemer und einfacher. Daher wird die schon 2001 von der Hochschulrektorenkonferrenz (HRK) beschlossene bundesweite Einführung der Plastikkarten auch von der breiten Masse gar nicht hinterfragt. In dem Maße in dem die Bequemlichkeit der Studierenden angesprochen wird, reduziert sich auch die Skepsis gegenüber der neuen Plastikkarten. Meist wurden die Studierendenvertretungen ohnehin gar nicht erst in die Planung, geschweige denn die Frage der Einführung, einbezogen, sondern vor vollendete Tatsachen gestellt. Doch wird wirklich alles bequemer und einfacher? Zwar kann die lange Schlange in der Uni-Verwaltung vermieden werden, allerdings nur um sich in die noch längere Schlange vor den viel zu wenigen SB-Terminals einzureihen. Und die Frage, warum jetzt der Service besser wird, nur weil mensch jetzt die I-Bescheinigung nicht mehr wie gewohnt zu Beginn des Semesters zugeschickt bekommt, sondern sich in einem umständlichen Pin und Tan Verfahren von einem Computer vorführen lassen muss, stellen sich nur die Wenigsten. Und bei technischen Problemen steht mensch erstmal vor verschlossen Türen, schließlich sind die meisten Verwaltungsangestellten entlassen worden. Das haben übrigens auch schon diejenigen Studierenden festgestellt, die aufgrund ihrer körperlichen Beeinträchtigung nicht in der Lage sind diese Terminals zu benutzen. Was aufgrund des mangelnden Datenschutzes vielleicht auch sogar besser ist: In Göttingen zum Beispiel war es noch ca. 6 Monate nach Einführung dieser Terminals möglich durch ein einfaches Klicken auf den "zurück" Button in der browsergestützen Software, auf die persönlichen Daten der Kommilitoninnen zuzugreifen. Ganz zu schweigen von einer Datenschutz Vereinbarung zwischen AStA und den Studierenden. Aber all diese Probleme waren schnell vergessen, schließlich macht es ja einen heiden Spaß sich an den Terminals die Fotos auf den Plastikausweis drucken zu lassen.
Doch warum haben diese Plastikkarten eigentlich solche Namen wie "CampusCard" oder "StudiCard" ? Die Erklärung ist ganz einfach, unter diesem Namen werden sie viel leichter angenommen. Klingt schließlich auch besser als "Multifunktionschipkarte zur Kontrolle der Studierenden". Doch diese Bezeichnung würde viel eher zutreffen. In diesen Plastikkarten (oder besser: kontaktlosen smartcards) befindet sich nämlich ein sogenannter RFID (Radio Frequency Identification) Chip. Dies ist eine Technologie "zur eindeutigen und kontaktlosen Identifizierung von Objekten jeglicher Art". Diese Technik wird schon länger im Bereich der Logistik und Warenwirtschaft eingesetzt. (Wenn die Bildung ein Ware ist, warum dann nicht auch die Studis?)
Auf den internen, für uns nicht sichtbaren Chips dieser kleinen Supercomputer werden unsere persönlichen Daten gespeichert. Der Mindestdatensatz besteht aus Name, Geburtsdatum, Studiengang, Semesterzahl und Matrikelnummer. Aber auch eine weltweit eindeutige Seriennummer (Mifare-ID) gehört zur Grundausstattung der Karten. Weitere Daten können problemlos hinzugefügt werden. Gerade bei der Multifunktionalität der Karten werden diese Daten um elektronische Geldbörsen oder auch die persönliche elektronische Signatur ergänzt. Die elektronische Geldbörse wird zum Bezahlen des Mensaessens, der anfallenden Kopien, der Teilnahme am Hochschulsport, oder der Bücher im Uni-Buchladen verwendet. Die elektronische Signatur ist als Ersatz zur bisherigen Unterschrift zu verstehen. Somit kann per Datenübertragung ein rechtskräftiger Vertragsabschluss durchgeführt werden. Diese digitale Unterschrift muss allerdings durch die Eingabe eines Pincodes bestätigt werden. Wo wir wieder bei dem besseren Service für die Studierenden angelangt werden. Die Multifunktionalität der Karten mag vielen den Alltag erleichtern, indem sie weniger Plastikkarten mit sich "herumgeschleppen" müssen. Allerdings wird längst nicht mehr in Frage gestellt, warum in der Mensa schon lange nicht mehr mit Bargeld bezahlt werden kann. "Auch aus rationalisierungstechnischen Gründen natürlich" werden viele sagen. Doch vergessen wird schnell, dass bei der Umstellung auf ein digitales Bezahlsystem nicht nur die Arbeitsplätze der Mensabediensteten wegrationalisiert wurden, sondern auch die Vielzahl der Menschen, die auch gerne das kostengünstige Mensaessen nutzen wollten oder vielleicht sogar darauf angewiesen waren. Ganz zu schweigen von Freund oder Freundin, welche nicht studieren und mit denen mensch zu Mittag essen wollte. In vielen Fällen ist nämlich die Anzahl der Essen, die von einer Karte abgebucht werden können auf 1 Mahlzeit am Tag beschränkt. Um Mißbrauch vorzubeugen versteht sich. Dem Mißbrauch wird selbstverständlich auch in anderen universitären Bereichen entegegengewirkt. Zum Beispiel durch digitale Zugangskontrollen, welche anhand der Chipkarten durchgeführt werden. Bisher meist nur in "sensiblen" Bereichen wie Cip-Pools und dergleichen genutzt, lässt sich diese Idee aber unendlich fortführen und dies ist in vielen Städten bereits umgesetzt. Das nebenstehende Szenario (Siehe Artikel "Schöne neue Chipkartenwelt .. ." ) wurde bereits 1996 geschrieben und stellte damals noch eher eine Zukunftsvision dar. Sozusagen den "worst-case" Heute, zehn Jahre später, sind alle dieser angesprochenen Techniken nicht nur möglich, sondern bereits beinahe vollständig eingesetzt. In manchen Städten ist die elektronische Zugangskontrolle von Wohnheim und Vorlesungsgebäude längst an der Tagesordnung. Am Beispiel der Bibliotheken mag es vielen Studierenden sogar recht sein, dass diese nunmehr durch die Chipkarte nicht mehr nur bis 18, sondern auch bis 20 Uhr geöffnet haben. Solange mensch zu dem Kreis gehört, der die Bibliothek auch benutzen darf versteht sich. Außeruniversitären Schädlingen wird dagegen der Zugang zur Bildung verwehrt. Diese zahlen schließlich auch nicht dafür. Doch wie sieht es aus, wenn spezielle, gut ausgerüstete Bibliotheken für Master Studierende oder Stipendiatinnen geschaffen werden, und auch nur noch für diese zugänglich gemacht werden? Auch dem Medizinstudenten, der sich für Themen interessiert welche, nur für die Soziologiestudentin gedacht sind kriegt Schwierigkeiten. Schließlich berechtigt ihn seine Karte nicht zum Zugang der Sozialwissenschaftlichen Fakultät. Sogar zum Kaffeetrinken mit Freunden wird ihm der Zugang nicht gewehrt, das Pflegen sozialer Kontakte ist für ein zielgerichtetes Studium ja doch nur hinderlich.
Die Chipkarten bieten ohnehin enorme Möglichkeiten zur Kontrolle der Strebsamkeit der Studierenden. Durch die elektronische Anwesenheitskontrolle in Vorlesungen wird diese gewährleistet. Das Lesegerät und der Vorgang des Auslesens der auf der Karte gespeicherten Daten muss von den Studierenden nicht einmal wahrgenommen werden. Vollkommen unbemerkt kann ein Lesegerät z. B. im Eingangsbereich des Hörsaals platziert werden und so, durch die Hosentasche hinddurch, die Daten der ihn betretenden Personen auslesen. Die Reichweite solcher RFID Chips reicht von wenigen Zentimetern bis hin zu mehreren Metern. Die im Portemonnaie befindliche Karte wird somit ohne die Kenntnis der Studierenden ausgelesen. Die Strahlung geht sogar durch Holz. Der Überwachung der Studierenden sind demnach keine Grenzen gesetzt. Und das auch ohne die flächendeckende Videoüberwachung, die auch an vielen Universitäten Einzug hält. Anhand der Studiausweise werden Bewegungsprofile erstellt, die nicht nur zur Aufrechterhaltung des Leistungszwangs dienen. Bei der Kontrolle, ob die vorgeschriebene Anzahl an Semesterwochenstunden auch belegt wird, kann es dann schon mal schädlich sein, wenn mensch anstatt in der Vorlesung zu sein vielleicht doch lieber mal was Essen geht. Auch bei der Bescheinigung eines ordnungsgemäßen Studiums, z.B. für BAFöGEmpfängerInnen, kann es schnell zu Problemen kommen. Dadurch dass genau nachverfolgbar ist, zu welchen Zeiten mensch sich wo in der Uni aufhält, kann das erstellte Bewegungsprofil auch hierzu herangezogen werden. Die Zeit zwischen den Vorlesungen kann auch in der Bibliothek verbracht werden anstatt im Cafe. Hinzu kommt, dass sich die Häufung solcher Chips und Lesegeräte bei weitem nicht nur auf den Hochschulraum beschränkt. Die Daten, die auf unserer Studicard gespeichert sind, theoretisch überall ausgelesen werden. So kann der Elektrotechnik Studi aus Hamburg schon mal in Schwierigkeiten kommen wenn er in den Urlaub fliegen will und seinen Studierendenausweis im Portemonnaie hat. Das in nebenstehendem Szenario beschriebene Auslesen der Daten im öffentlichen Nahverkehr wurde in vielen Bundesländern schon erprobt. Die kontaktlose und automatische Bezahlung per Chipkarte oder Handy sind längst Realität geworden. Auch in Streifenfahrkarten und in der Verpac-kung von Dingen, die wir im Supermarkt kaufen, lauern die eingebauten RFID Chips. Alles zum Wohle der Kunden versteht sich. RFID Chips werden in Waren eingebaut um deren Verlauf im Produktions- und Auslieferungsprozess kontrollieren zu können. Damit nichts abhanden kommt, werden die Chips dann auch schon mal in Schuhsohlen eingebaut. Lesegeräte die an Autobahnzufahrten aufgestellt sind senden die empfangenen Daten per Sattelitenverbindung und so ist eine Verfolgung der Ware in Echtzeit möglich. Oder wahlweise der Person, welche den Schuh kauft. Mit der Zahlung per EC Karte oder mit den bald mit RFID Chips versehenden Geldscheinen wird dann der MIFARE Nummer des Schuhs eine Person zugeordnet. Schon ist sie stets ortbar. Vorrausgesetzt sie hat die Schuhe an, versteht sich.
Nicht zu vergessen ist natürlich die Tatsache dass hinter der Einführung der Chipkartensysteme kommerzielle Firmen stehen, welche die Universität sowohl als Großkunden, als auch als Testgelände für die Verbesserung ihrer Technologien sehen. Nicht nur die Kartenhersteller verdienen an den Plastikausweisen. Im Rahmen der Funktionalität werden zum Beispiel Geldkarten- und die Visafunktion von Banken integriert. Durch die Bewegungsprofile und das Bezahlsystem können mit Hilfe der Karten Kundenprofile erstellt werden, welche den immer mehr auf dem Hochschulgelände Einzug haltenden Ladenzeilen natürlich gerade recht kommen. Die Studierenden wurden schon lange von der Wirtschaft als hochkarätige Zielgruppe entdeckt. Immer mehr Promotionstände und Werbeflächen werden geschaffen. Selbstverwaltete Freiräume und studentische Aushänge auf der anderen Seite schlichtweg verboten.
So sieht er also aus, der dröge Hochschulalltag, von der Lüge Sparzwang ausgesaugt und auf die nötigsten lebenserhaltenen Maßnahmen beschränkt fristet er sein lausiges (Über)Leben. Einzig und allein von der Vorstellung geprägt, dass endlich alles anders wird, wenn endlich jede/r einzelne Studi erstmal tief in die Tasche greift. Die notwendigen öffentlichen Gelder werden längst für die Innere (Un)Sicherheit verschwendet und diese dann auch durch die Zinsen der verschuldeten Studierenden gesichert. Diese begeben sich derweilen wie die Lämmer zur Schlachtbank. Doch was ist das ? Dieses rötlich schimmernde Licht am Ende des Tunnels ? Ja richtig, eine Leuchtreklame. Und bei näherem Hinsehen wird das Lamm feststellen, dass es sich schon längst auf der Schlachtbank befindet. Überall gibt es bunte Lichter, Plakate, grinsende Menschen, die einen schon morgens früh vor der ersten Vorlesung empfangen, um ihre Zeitungsabonnements loszuwerden. Überall gibt es buntes und freundliches und das Lamm ist froh das es so ist und dafür auch gerne bereit, für ein Glas Wasser schon mal tief in die verschuldete Tasche zu greifen.
Oliver Bösch, Göttingen
Vielen Dank für diese Geschichte an die FS Informatik, [Uni] Darmstadt:
7:00 Der Wecker klingelt. Bernadette nimmt die Karte aus dem Wecker und steht auf. Alles genau getimed, Badezimmer, Anziehen, Frühstück, Weg zur Bushaltestelle. Der Bus kommt, sie schiebt die Karte in das Lesegerät, bekommt ein "OK" und fährt zur Uni. Die Unitür öffnet sich, als Bernadette auf sie zukommt. Seit die Induktionstechnik eingeführt wurde, ist das Uni-Leben noch viel bequemer. Auch die Hörsaaltür öffnet sich wie von Geisterhand. Die Vorlesung kann beginnen.
7:00 Der Wecker klingelt. Ludwig nimmt die Karte raus und dreht sich noch mal um. Er weiß, daß es knapp ist, aber fünf Minuten kann er sich gönnen. Gerade rechtzeitig verläßt er das Wohnheim, um zum Bus zu gehen. Der Bus kommt, die Tür geht auf, Ludwig steigt ein, der Bus fährt los. Verdammt, wo ist die Karte? Nicht in der Hosentasche, nicht in der Jacke, nicht im Rucksack. Natürlich - sie liegt neben dem Wecker. Der Busfahrer lacht bei der Frage nach dem Fahrpreis und setzt Ludwig an der nächsten Haltestelle vor die Tür. Ludwig läuft zurück. Um diese Uhrzeit fahren nur Busse von den Studi-Wohnheimen zur Uni, nicht umgekehrt. Eine halbe Stunde später steht er vor der Tür des Wohnheims. Normalerweise schwingt sie auf, wenn er auf sie zuläuft. Wie bekommt man so eine Tür auf, wenn man keine Karte hat? Auf dem Display neben der Tür steht "Hausmeister zur Zeit nicht im Hause." Er klingelt bei Bernadette. Nichts rührt sich, sie ist nicht da. Auch sonst meldet sich niemand von seinen Bekannten auf sein Sturmklingeln. Die Vorlesungen haben bereits angefangen, wer ist dann schon noch im Wohnheim? Er drückt den letzten Knopf, den er noch nicht ausprobiert hat. L. User. Nie gehört. "Jaaaa?"
9:00 Pause. Bernadette hat Hunger. Sie geht in die Cafeteria, nimmt sich ein Brötchen und eine Tasse Kaffee, steckt die Karte in das Lesegerät und bestätigt, daß der Betrag abgebucht werden soll. Schön, daß es keine Schlangen mehr gibt, seit niemand mehr nach Kleingeld suchen muß.
9:03 Leo User kocht erst mal einen Kaffee. Er sieht verschlafen aus. "Nimm meine Karte, ich gehe heute sowieso nicht in die Uni, ich habe was besseres vor." Ludwig zögert einen Moment. Vielleicht ist das wirklich das Beste, dann kommt er wenigstens in die Uni und kann sich heute abend um seine eigene Karte kümmern.
9:15 Die Vorlesung geht weiter. Sie ist spannend gemacht und mitschreiben braucht man auch nicht mehr, seit das Wohnheim eine Abfahrt der Datenautobahn hat. So kommt das Skript direkt ins Haus.
9:20 Im Bus schiebt Ludwig die fremde Karte in das Lesegerät. "Strecke nicht studienrelevant. Kosten: 5,20 DM." Er flucht und bestätigt. Wahrscheinlich hätte auch Leo längst in der Uni sein müssen, Fahrten zum reinen Vergnügen gehören schließlich nicht zum Semesterticket. Die Unitür schwingt auf. Für die Vorlesung ist es jetzt zu spät, die Zeit bis zur nächsten Veranstaltung läßt sich am besten im Rechnerraum nutzen. Die Tür geht auf, Ludwig schiebt die Karte in das Lesegerät. "Herzlich Willkommen, Leo User. Sie waren seit 27 Tagen nicht mehr eingeloggt und haben somit einen erheblichen Rückstand zu Ihren Kommilitonen. Bitte geben Sie Ihr Paßwort ein." Ach ja, natürlich. Ludwig nimmt die Karte raus und verläßt unverrichteter Dinge den Raum. Wenigstens in die Bibliothek kann er noch gehen, da braucht man kein Paßwort.
10:05 Die Vorlesung ist zu Ende, Bernadette geht in den Rechnerraum. "Herzlich Willkommen, Bernadette Nutzer. Aufgrund Ihrer hervorragenden Leistungen und großen Zuverlässigkeit ist Ihr Stipendium um ein weiteres Semester verlängert worden. Herzlichen Glückwunsch."
10:05 Die Tür der Bibliothek öffnet sich nicht. Auf dem Display steht "Lesefehler, bitte Karte einschieben." Nun gut. "Auf diese Karte wurden drei Bücher ausgeliehen, die seit 11 Tagen zurückgegeben werden mußten. Mahngebühr: 33 DM. Bitte bestätigen Sie." Ludwig bestätigt. "Die Benutzung der Bibliothek ist Ihnen erst nach Rückgabe der Bücher wieder gestattet." Die Karte wird aus dem Lesegerät gespuckt, die Tür bleibt zu.
10:12 Bernadette freut sich über ihr Stipendium. So ein nettes Lob gibt ihr den Mut, sich gleich zur nächsten Prüfung anzumelden. Auch das geht viel einfacher, seit es die Karten gibt: Nur ein Formular am Rechner ausfüllen, kein lästiger Gang zum Prüfungsamt mehr.
11:35 Ludwig geht zur Mensa. Er stellt sich ein schönes Menue zusammen, bestätigt die Abbuchung von der Karte und liest: "Zu geringes Guthaben auf der Karte. Bitte wenden Sie sich vertrauensvoll an die Campus-Bank, das Kreditinstitut direkt in ihrer Nähe" Das Tablett bleibt da, Ludwig geht. Auf die fremde Karte kann er nichts von seinem gut gefüllten Girokonto buchen. Zahlung mit Bargeld ist nicht mehr möglich. Er setzt sich vor die Mensa und wartet.
12:05 Bernadette trifft Ludwig vor der Mensa. Natürlich hilft sie ihrem alten Bekannten aus der Klemme, gemeinsam laden sie zwei Essen auf ein Tablett. Sie bestätigt den Betrag. Auf dem Display steht: "Warnung: Übermäßiges Essen schadet Ihrer Gesundheit. Bei wiederholter Fehlernährung wird Ihre Krankenkasse benachrichtigt."
13:10 Ludwig geht zu seiner nächsten Vorlesung. Wieder erscheint die Meldung "Bitte Karte einschieben" auf dem Display, ohne daß sich die Tür öffnet. Er kommt der Aufforderung nach. "Sie haben diese Veranstaltung nicht belegt. Wenn sie trotzdem an ihr teilnehmen wollen, bestätigen sie die Zahlung von 150 DM Gasthörergebühr für dieses Semester. Wir möchten Sie darauf hinweisen, daß in Kürze in Hörsaal 7 eine von Ihnen belegte Veranstaltung beginnt." Er nimmt die Karte aus dem Lesegerät.
13:20 Bernadette holt in der Bibliothek die für sie zusammengestellte Literatur ab. Alles genau auf ihre Veranstaltungen abgestimmt, alles auf dem neuesten Stand. Und so einfach kommt man dran: Karte ins Lesegerät, eine Minute warten und die Bücher kommen aus dem Lager, ohne daß man sich Gedanken machen muß, welches Buch für welche Veranstaltung geeignet sein könnte. Obenauf liegt die Liste der im Uni-Buchladen vorrätigen Bücher zu ihren Lieblingsthemen mit den aktuellen Sonderangeboten.
14:09 Ludwig steht in der Telefonzelle. Mit den letzten paar Groschen Guthaben auf der Karte ruft er seine Mutter an. Er kommt heute wohl nicht zu ihrem Geburtstag. Er muß sich darum kümmern, wieder an seine eigene Karte zu kommen. Dann will er sich auf den Weg nach Hause machen. Er geht auf die Ausgangstür zu. Nichts bewegt sich. Er schiebt die Karte in das Lesegerät, wahrscheinlich ist das wieder so ein Lesefehler. Die Karte wird ihm entgegengespuckt, die Tür bleibt zu.
14:15 Bernadette geht zum Labor, in der ihr Praktikum stattfindet. Dank der für sie maßgeschneiderten Literatur ist sie bestens vorbereitet. Den Computerfragebogen füllt sie mit Leichtigkeit aus.
14:18 Ludwig rüttelt an der Ausgangstür, aber die absolut diebstahlsichere Stahltür bewegt sich keinen Zentimeter. Von hinten kommen zwei Männer. "Bitte kommen Sie mit!" Ludwig folgt ihnen.
14:25 Bernadettes Antestat wäre erledigt. Die Materialien für den Praktikumsversuch liegen fein säuberlich geordnet in einem Schrank, den sie mit ihrer Karte öffnet.
14:26 Die Männer gehen zur Wachstation der Uni. "Können Sie sich ausweisen?" Ludwig zückt die Karte, zögert. Ist es illegal, eine fremde Karte bei sich zu haben? Er gibt sie dem einen. "Sind Sie Leo User?" "...ja..." "Sie sind vorläufig festgenommen. Sie werden verdächtigt, eine terroristische Aktion geplant und ausgeführt zu haben." "Nein!" "Alle Indizien sprechen dafür. Mit dieser Karte wurde sowohl ein Buch über Chipkartentechnik in der Stadtbücherei entliehen, als auch kurze Zeit darauf mehrere DIN A2-Kopien erstellt. Wir vermuten, daß es sich um die Plakate handelt, die alle Chipkartengegner dazu aufriefen, sich letzten Dienstag vor der Hauptmensa zu versammeln. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Anwesenheit Ihrer Karte von den Induktionslesegeräten der Hauptmensa festgestellt. Bei dieser Versammlung kam es zu Ausschreitungen, bei denen mehrere Lesegeräte demoliert wurden, indem mit Sekundenkleber präparierte Kartenimitationen in sie eingeführt wurden."
18:00 Das Praktikum ist beendet. Bernadettes hervorragende Meßergebnisse sind auf die Karte gespeichert, damit sie die Auswertung zuhause vornehmen kann. Jetzt gönnt sie sich einen netten Abend im Theater, natürlich zum ermäßigten Studi-Tarif.
20:00 Ludwig ist müde. Seine Beine tun weh. Die Karte hat er auf der Wache gelassen, deshalb muß er die 8 km gehen. Es hat vier Stunden gedauert, bis geklärt war, daß er nicht Leo User ist. Er kommt an das Studiwohnheim. Auf dem Display an der Tür steht "Hausmeister zur Zeit nicht im Hause." Er schaut nach oben zu Leos Fenster. Mit Fingerfarbe steht an der Scheibe "Die Realität hat unsere Phantasie längst überholt."
Entnommen aus dem Chipkarten Reader "Abgekartetes Spiel - Wie Chipkarten den Hochschulalltag verändern", entstanden 1996! auf der KIF - die Konferenz der Informatik-Fachschaften, durch den Arbeitskreis ,,Chipkarten``. Herausgeberin: Fachschaftsrat Informatik, Technische Hochschule Darmstadt. Den ganzen Reader gibt es unter www.fachschaft.informatik.tu-darmstadt.de/chipkarte/
Dies ist die bundesweite Seite der Internetplattform von Uebergebuehr. Uebergebuehr beleuchtet Bildungspolitik kritisch und arbeitet außerparlamentarisch auf ein freies, demokratisches und emanzipatorisches Bildungswesen hin.

(Bertold Brecht)