
Gestern wolltet ihr euch endlich hochschulpolitisch engagieren. Doch als ihr abends den Raum betretet, indem sich ein hochschulpolitischer Arbeitskreis trifft, wehen euch Unmengen an Fachbegriffen und Abkürzungen entgegen. Ihr setzt euch dazu, bekommt recht schnell ein unwohles Gefühl und überlegt, ob ihr vielleicht unerwünscht sein könntet. Nach dem Treffen habt ihr zwar einige interessante Informationen erhalten, aber Fragen oder kritische Anmerkungen wurden nur durch mitleidigen Blicke oder gar nicht kommentiert. Außerdem sind das sowieso alles total intolerante und elitäre Spinner, die ständig nur den Kapitalismus kritisieren. Ihr entschließt euch also, dass Hochschulpolitik doch nichts für euch ist.
Das ist sehr bedauerlich, denn in Wirklichkeit sind es meist nur dumme Missverständnisse, eingefahrene Strukturen und Profilneurosen Einzelner, die euch vielleicht den Einstieg so schwer machen. Wenn das alles eh nicht auf euch zutrifft, da ihr euch seit eh und je mit Politik beschäftigt habt, zählt ihr wahrscheinlich zu denjenigen, die später eventuell den harten Kern einer solchen Gruppe darstellen und sich wundern, warum es anscheinend sonst niemanden interessiert, dass Studiengebühren eingeführt werden. Dabei wird verkannt, dass sich der ein oder die andere Studierende dafür interessiert haben könnte, aber keinen Zugang zu den aktiven Gruppen finden konnte. Der Wissensunterschied kann dabei bedauerlicherweise häufig Grund der Misere sein. Von den neuen teilnehmenden Personen wird meist unbewusst erwartet, dass sie thematisch dort einsteigen, wo sich die Gruppe derzeit befindet. Übersehen wird leider, dass dieses Wissen in den wenigsten Fällen angeboren ist, sondern vielmehr ebenfalls das Produkt längerer Diskussionen und gemeinsamer inhaltlicher Arbeit. Der ein oder die andere aktive Person wird nicht leugnen können, dass sie zu Beginn des Studiums den Dummschwätzern in den Medien ebenso nach dem Mund redete und z.B. die Einführung von Langzeitstudiengebühren als legitim ansah, dann aber auf Menschen traf, die sie nicht verurteilten, sondern sie von der Ungerechtigkeit überzeugten. Und ja, aus einer Person, die einstmals Langzeitstudiengebühren befürwortete, kann in nur ein paar Jahren ein reflektierter Mitmensch werden, der sich laut gegen Kapitalismus, Sexismus, Faschismus, Rassismus und Patriotismus ausspricht.
Unterstreichen lässt sich diese These der gruppendynamische Entwicklung z.B. mit der Beobachtung der Gründung von neuen Proteststrukturen. Das können offene Streikforen, Bildungsbündnisse oder auch Arbeitskreise gegen Studiengebühren sein - am Anfang nimmt noch eine größere Zahl Studierender teil, mit dem Ziel sich und andere zu informieren. Zu Beginn wird auch gerne noch stark betont, dass es sich um eine offene Struktur handelt, die für jede Person zugänglich ist. Mit der Zeit jedoch reduziert und schließt sich der Kreis, die Themen werden immer komplexer und ein Neueinstieg wird immer schwerer.
Es gibt also mehrere Möglichkeiten, um vielleicht doch hochschulpolitisch aktiv zu werden:
1.) Den Rückzug antreten, weiterhin auf die intoleranten Linken schimpfen, sich unreflektierten, serviceorientierten Gruppen anschließen und dafür sorgen, dass an anderen Unis gespart wird.
2.) Die Augen offen halten und nach neu entstehenden Strukturen Ausschau halten.
3.) Selber einen Arbeitskreis neu einrichten.
4.) Sich in bestehende Gruppierungen reintrauen und sich behaupten. Bisher hat es sich ja eher um die Gemeinheiten gedreht. Es wird also Zeit für die Abkürzungen, Fachbegriffe und Gremien, die häufig im Unialltag auftauchen. Die folgende alphabetische Liste kann eventuell ein wenig Licht in dieses Dunkel bringen.
Das Aktionsbündnis gegen Studiengebühren (ABS) ist ein 1999 gegründetes Bündnis von Studieren-denvertretungen, Gewerkschaften, Hochschulgruppen und weiteren Studiegebührengegnern und -gegnerinnen. Gemeinsames Anliegen der darin organisierten Gruppen ist ein grundsätzlich gebührenfreies Studium. 2001 wurde das Bündnis an den fzs (Freier Zusammenschluss von StudentInnen-schaften) angegliedert. www.abs-bund.de
Der Allgemeine StudentInnenausschuss (AstA) ist die Interessensvertretung der Studierenden einer Hochschule. In den meisten ostdeutschen Bundesländern wird stattdessen die Bezeichnung Studierendenrat (StuRA) verwendet. Diese sind demokratischer, weniger hierarchisch als die ASten aufgebaut. In Baden-Württemberg und Bayern gibt es keine gesetzlich verankerte Verfasste Studierendenschaft. Hier wird die (politische) Arbeit von unabhängigen Gremien gemacht, z.B. FaVeVe, u-AStA, StuVe o.ä
Der Bologna-Prozess ist benannt nach dem Treffen in Bologna im Jahr 1999, an dem Bildungsminister aus 29 europäischen Ländern teilnahmen. Bei dem Treffen wurde über die Schaffung eines gemeinsamen Europäischen Hochschulraums debattiert. Auf den Folgekonferenzen, die seitdem in regelmäßigen Abständen stattfinden, ist die Beteiligung inzwischen auf 40 Länder angewachsen. Im Rahmen des Bologna- Prozesses sollen bis 2005 in allen Ländern Strukturen für die interne und externe Qualitätssicherung von Hochschulen geschaffen werden. Die Umstellung auf das zweistufige System von Bachelor- und Masterstudiengängen ist bis Ende 2010 angestrebt.
Bachelor- und Masterstudiengänge (BA/MA) werden als zwei getrennte Studiengänge angesehen. Der Bachelor soll in einem Kurzstudiengang insbesondere für einen Beruf außerhalb der Hochschule qualifizieren und demnach "praxisnah" orientiert sein. Er beträgt in der Regel 6 Semester und wird nicht durch eine Abschlussprüfung sondern durch studienbegleitende Prüfungen erworben. Unklar ist in vielen Fällen die Berufsqualifikation, da es für manche BA-Studiengänge noch gar keine passenden Jobs gibt. Der Master ist das Aufbaustudium nach dem Bachelor. Es vertieft das Fachgebiet, das man zuvor studiert hat, diesmal jedoch mit einem höheren theoretischen Anteil. Das Masterstudium dauert in der Regel 4 Semester und soll in der Vorstellung vieler Politiker gebührenpflichtig sein. Voraussetzung für den Master sind eine gute Note im Bachelor oder andere Auswahlkriterien, die von den Studiengängen abhängig sind. Geschätzt soll nur jeder 4 Studi für den Master zugelassen werden. Das wird vor allem davon abhängig sein, wie viele qualifizierte Kräfte der Arbeitsmarkt benötigen wird.
Der Creditpoint ist die Maßeinheit für Arbeitsaufwand im Bachelor/Master- System. Ein Creditpoint soll etwa 25-30 Stunden Arbeit entsprechen, pro Semester sollen es jeweils 30 sein. Die Creditpoints bekommt man jeweils für erfolgreich abgeschlossene Module (so heißen Veranstaltungen oder Gruppen von Veranstaltungen die zusammen geprüft werden im Ba/Ma-System).
Der Freie Zusammenschluss von StudentInnenschaften (fzs) versteht sich seit 1993 als studentischer Dachverband. Derzeit sind 76 Hochschulen Mitglied. Der fzs bietet Seminare zur politischen Bildung an und bringt Publikationen zu aktuellen studienrelevanten Themen heraus. Seine Entwicklung ist mit Sorge zu betrachten. www.fzs-online.org
Hochschul-Optimierungs-Konzept (HOK) klingt nach Optimierung, bedeutete aber Minimierung für die Hochschulen, denn außer Einsparungen brachte es den Studierenden nichts. Die Ausmaße der Kürzungen wurden nach vier Kriterien bestimmt: Qualität in Forschung und Lehre, Nachfrage der Studierenden, quantitativer Anteil Niedersachsens und Orientierung am Arbeitsmarkt. Das HOK trat 2004 in Kraft und bedeutete 50,6 Mio. Euro Einsparungen für das Land Niedersachsen, davon 40,6 Mio. im Jahr 2004 und weitere 10 Mio 2005. Die Hochschulen waren unterschiedlich stark betroffen. Das Ende der Kürzungen ist noch lange nicht in Sicht.
Die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) ist der freiwillige Zusammenschluss der staatlichen und staatlich anerkannten Universitäten und Hochschulen in Deutschland. Gegenwärtig sind 262 Hochschulen Mitglied. Die HRK sieht sich als Stimme der Hochschulen gegenüber Politik und Öffentlichkeit und sie ist das Forum für den gemeinsamen Meinungsbildungsprozess der Hochschulen. Sie befasst sich mit allen Themen, die Aufgaben der Hochschulen betreffen. Die HRK wurde 1949 als Westdeutsche Rektorenkonferenz (WRK) gegründet. Nach dem Mauerfall wurden am 5. November 1990 die ersten Hochschulen aus den neuen Bundesländern aufgenommen und die WRK in Hochschulrektorenkonferenz (HRK) umbenannt.
Die LandesAstenkonferenz (LAK) oder auch LandesAstenTreffen (LAT) sind weitere Gremien, die Vertreter und Vertreterinnen der Studierenden der Hochschulen des jeweiligen Bundeslandes an einem Tisch vereinen. Auf diesen Treffen werden hochschulpolitische Ereignisse besprochen, Stellungnahmen und Positionspapiere geschrieben und Aktionen geplant. Mit Ausnahme von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, wo solche Gremien unter der Bezeichnung Konferenz der Sächsischen Studentenräte (KSS), Konferenz der Studierendenschaften in Sachsen-Anhalt (KSSA) bzw. Konferenz Thüringer Studentenschaften (KTS) gesetzlich vorgeschrieben sind, handelt es sich ursprünglich um informelle Zusammenschlüsse. Trotzdem wurden in vielen Bundesländern in den letzten Jahren innerhalb der Konferenzen hierarchische Strukturen durch Geschäftsordnungen und Satzungen geschaffen, die z.B. die Wahl eines Sprechers bzw. einer Sprecherin vorsehen.
Langzeitstudiengebühren sind in beinahe allen Bundesländern Gang und Gebe. Wenn das Studium die Regelstudienzeit um 4 Semester überschritten hat, werden 500 Euro fällig. Weil sich Gebühren immer noch unschön anhören, sprechen manche Politiker gern auch vom "Bildungsguthaben". Das sind dann die Semester, die man ohne Gebühren studieren darf. Von Langzeitstudiengebühren betroffene Studis sind gar nicht so selten. Neben dem Studium zu arbeiten, sich politisch zu engagieren oder sich selbstbestimmt weiterzubilden wird sanktioniert, da in der heutigen Zeit nur noch die Verwertbarkeit der Menschen zählt.
Numerus Clausus bezeichnet die Abiturnote die mensch mindestens haben muss um einen bestimmten - mit dem NC versehenen - Studiengang zu studieren. Wartesemester - also Semester in denen mensch sich beworben hat aber nicht angenommen wurde - werden in der Regel auf den NC angerechnet, so dass die Wahrscheinlichkeit angenommen zu werden mit der Zeit steigt.
Der Wissenschaftsrat berät die Bundesregierung in Fragen, die Hochschulen und Wissenschaft betreffen. www.wissenschaftsrat.de
Die ZVS, die Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen, vergibt in bundesweit und NRW-weit zulassungsbeschränkten Studiengängen die Studienplätze. Bundesweit betrifft das die Studiengänge Biologie, Medizin, Pharmazie, Psychologie, Tiermedizin und Zahnmedizin. In NRW sind es noch einige Studiengänge mehr. Mensch bewirbt sich auf einen Studienplatz und kann Wunschhochschulen angeben. Je nachdem wie gut die Abiturnote ist bekommt man dann einen Platz an der Wunschhochschule, einen Platz an einer anderen Hochschule oder gar keinen Studienplatz. Wartesemester in denen man nicht angenommen wurde verbessern die Chancen in der nächsten Runde aufgenommen zu werden. Mit der Reform des Hochschulzugangs sind die Tage der zentralen Vergabe von Studienplätzen aber gezählt.
Dies ist die bundesweite Seite der Internetplattform von Uebergebuehr. Uebergebuehr beleuchtet Bildungspolitik kritisch und arbeitet außerparlamentarisch auf ein freies, demokratisches und emanzipatorisches Bildungswesen hin.

(Mahatma Gandhi)