Leistungs-oder Sozialauslese? Studiengebühren und Eliteeinrichtungen in führenden Industrieländern

von Urs Hartmann

 

Seit geraumer Zeit schon gibt es in unserer Republik eine Debatte über die Einführung von Studiengebühren. In diesem Artikel soll anhand von Beispielen aus dem Ausland die vorhandene soziale Selektion und die Bedeutung von Studiengebühren hierfür verdeutlicht werden. Da sich unsere Politiker bei ihrem Ruf nach Leistungsgerechtigkeit und besserer Bildungsqualität oft am angelsächsischen Beispiel orientieren, wollen wir den Blick zunächst auf die Vereinigten Staaten richten.

 

USA: Ohne Moos nix los

Die soziale Selektion findet hier auf der Stufe der Universitäten statt. In den USA spielen Privatuniversitäten eine zentrale Rolle, deren sehr hohe Studiengebühren von den Studenten bezahlt werden müssen. Statistische Erhebungen zeigen, dass, wer Karriere machen will, den Abschluss an einer der Eliteeinrichtungen beinahe zwingend benötigt. Mehr als die Hälfte aller Top-Manager und fast alle Vorstandschefs der Unternehmen in den wichtigen Branchen Mikroelektronik, Internet und Gentechnologie haben ihren Abschluss auf einer der exklusiven Eliteuniversitäten erworben. Diese Einrichtungen haben den Ruf, nur die Besten eines jeweiligen Jahrgangs aufzunehmen, und durch eine langwierige und schwierige Aufnahmeprozedur inklusive des sogenannten SAT-Tests, einer schriftlichen Prüfung in vielen verschiedenen Fächern, soll dies gewährleistet werden. Obwohl die Chancen, bei solchen Tests zu bestehen, für Kinder aus wohlhabenden Familien bereits deutlich besser sind, da sie von Hause aus mehr Wissen vermittelt bekommen, bliebe die Auswahl vergleichsweise leistungsbezogen und unabhängig von der sozialen Herkunft. Befürworter von Elitebildungssystemen bringen dies stets als erstes Argument für ihre Position. Doch einige Studien und Beobachtungen lassen Zweifel an der reinen Leistungsauslese aufkommen.

So kommt zum Beispiel an der mit einer Zulassungsquote von 28% nicht einmal besonders selektiven University of Pennsylvania nur ein Fünftel der Studienanfänger aus Familien mit weniger als 60000 Dollar Jahreseinkommen und nur ein Zehntel aus Familien mit weniger als 45000 Dollar, dem amerikanischen Durchschnittseinkommen. An den „richtigen“ Eliteeinrichtungen wie Harvard oder Yale liegen die Zahlen noch darunter. Der erste Grund für diese vollkommen unrepräsentative soziale Rekrutierung der Studierenden sind Auswahlgespräche, die von so genannten Admissions Commitées durchgeführt werden, und in denen Bewerber aus bürgerlichen Elternhäusern erfahrungsgemäß einen deutlich besseren Eindruck auf die Prüfer hinterlassen. Der zweite Selektionsmechanismus sind die horrenden Studiengebühren, die ein Student aufbringen muss, um an einer der Eliteuniversitäten studieren zu dürfen. Die Summen, die zwischen 40000 und 50000 Dollar pro Jahr liegen, stellen aufgrund mangelhafter finanzieller Unterstützung von staatlicher Seite für die meisten Studenten aus ärmeren Familien ein nicht zu bewältigendes Problem dar. Es sind zwar Unterstützungsprogramme vorhanden, doch bestehen diese zum Großteil aus verzinslichen Darlehen und selbst nach Abzug aller Stipendien und sonstiger Hilfen, bleibt noch ein Eigenanteil von im Schnitt 14000 Dollar jährlich übrig. Sogar bei einem Jahreseinkommen der Eltern von weniger als 20000 Dollar muss der Bewerber noch 8500 Dollar selbst aufbringen. Darüber hinaus stellen sich die finanziellen Hilfen in Form von Darlehen als äußerst problematisch dar. Ein Student, der seinen Bachellor-Abschluss nach drei Jahren macht ist durchschnittlich mit 30000 Dollar verschuldet. Diese Zahl liegt bei den ärmeren Studenten noch um einiges höher, da sie einen geringeren Teil der Ausbildung aus eigenen Mitteln bezahlen können. Weiterführende Studiengänge wie z.B. der für Führungspositionen unabdingbare Master-Abschluss werden zu einem noch geringeren Teil von Stipendien und staatlichen Hilfen gefördert und müssen so entweder aus eigener Tasche oder über weitere Darlehen bezahlt werden. Fatal ist, dass die Rückzahlung sich nicht nach dem späteren Einkommen richtet, sondern wie eine gewöhnliche Verbindlichkeit behandelt wird, die zu einem festgelegten Zinssatz zurückgezahlt werden muss. Viele Kinder aus weniger wohlhabenden Familien werden hierdurch abgeschreckt, da sie fürchten zu einem späteren Zeitpunkt ohne Arbeit aber mit einem großen Berg Schulden dazustehen. Insgesamt waren die amerikanischen Studenten im Jahre 2003 mit 7,5 Milliarden (!) Dollar verschuldet.

Neben den Eliteuniversitäten erheben aber auch die staatlichen Colleges Studiengebühren von durchschnittlich 4700 Dollar jährlich. Diese haben sich ebenso wie die der privaten Einrichtungen in den letzten zwanzig Jahren um fast 100% erhöht. Die Löhne sind im gleichen Zeitraum jedoch nur um 50% gestiegen. Die Gebühren wurden immer zunächst an den Privatuniversitäten erhöht, worauf ein Verdrängungseffekt eintrat und die weniger wohlhabenden Studierenden an die besseren staatlichen Colleges wechselten. Diese sahen sich aufgrund der veränderten sozialen Zusammensetzung ihrer Studenten nun in der Lage ebenfalls die Gebühren zu erhöhen. Dieser Effekt setzt sich fort und die High School Absolventen mit dem schlechtesten finanziellen Background können nur noch sogenannte 2- year Colleges, die in etwa mit der deutschen Oberstufe vergleichbar sind, oder gar keine Universität mehr besuchen. Hierdurch entsteht ein Mangel an einer breiten Masse gut ausgebildeter Fachkräfte, welchen die USA zum momentanen Zeitpunkt nur noch durch das Abwerben von Spitzenkräften aus dem Ausland kompensieren können.

 

Großbritannien: Nur ein Weg zur Elite

Auch in Großbritannien findet ähnlich wie in den USA eine soziale Selektion über sehr teure Elitebildungseinrichtungen statt. Allerdings erfolgt diese bereits überwiegend auf schulischer und weniger auf universitärer Ebene.

Es gibt in Großbritannien neben dem staatlichen ein schon seit langer Zeit sehr gut ausgebautes privates Schulsystem. Hier stechen v.a. die 500 sogenannten Public Schools hervor, die nur gut 9,5% der Schüler stellen. Von den Vorstandsvorsitzenden der 100 größten britischen Unternehmen haben 72 eine solche Schule besucht und allein ein Viertel war in Eton, einer der exklusivsten. Auch nahezu alle Minister und hohen Beamten sind an einer Public School ausgebildet worden. Um an einer dieser Schulen angenommen zu werden, müssen die 14 jährigen Jugendlichen aber äußerst strenge Aufnahmeprüfungen bestehen, auf die sie in sogenannten Preparatory und pre-Preparatory Schools vorbereitet werden. Das gesamte System ist hoch selektiv, da alle Schulen sehr hohe Gebühren verlangen. Allein die Public Schools kosten zwischen 6000 und 19000 Pfund. Zum Vergleich: Das englische Durchschnittseinkommen liegt bei gerade einmal 20000 Pfund. So ist es nicht verwunderlich, dass die obersten 5% der Bevölkerung 63% der Schüler stellen und die nächstobersten 15% weitere 20%. Ein Stipendiensystem, das diese Missverhältnisse ausgleichen könnte, existiert faktisch nicht, da nur 5% der Schüler überhaupt gefördert werden.

Verdeutlicht wird die herausragende Stellung der Public Schools auch durch die Tatsache, dass die ehemaligen Schüler an den beiden Eliteuniversitäten des Landes Oxford und Cambridge (kurz: Oxbridge) vollkommen überrepräsentiert sind. 50% der Oxbridge-Anfänger kommen von einer Public School. Von den drei besten staatlichen Schulen wurden Mitte der Neunziger gerade einmal 10% der Absolventen in Cambridge angenommen, wohingegen ein Drittel der Abiturienten aus der Public School Westminster die Aufnahme schaffte. Die Erklärung hierfür sind wie in den USA die rigiden Auslesen sowohl nach Leistung als auch nach dem Ergebnis eines Vorstellungsgesprächs, in denen die Privatschüler aufgrund ihrer hervorragenden und v.a. umfassenden Ausbildung deutlich bevorteilt sind. So werden überhaupt nur Abgänger mit drei oder mehr A-Levels zugelassen, was an Privatschulen 46,4 % erreichen, an staatlichen Einrichtungen aber nur 7,4 %. Die Bedeutung einer Aufnahme an einer der Universitäten zeigt sich daran, dass 45 Vorstandsvorsitzende der 100 größten Unternehmen in Oxbridge studiert haben, obwohl sie nur 5 % der Studenten stellen. Diese beiden Institutionen stellen das selektive Element im britischen Hochschulsystem dar, welches allerdings, wie gezeigt, eng mit dem privaten Schulsystem verknüpft ist.

 

Eine Besonderheit in Großbritannien liegt zudem darin, dass nur 72 der Vorstandsvorsitzenden der 100 größten Unternehmen überhaupt eine Uni besucht haben. Die übrigen haben allein durch ihre Referenzen aus Public School –Zeiten den Posten erhalten. Das staatliche englische Hochschulsystem war lange Zeit kostenlos und wurde mit Stipendien gefördert. Da jedoch die Anfängerzahlen sich von 1970 bis 1990 verdreifachten, und gleichzeitig die Finanzierung nicht angepasst wurde, sanken die Mittel pro Student um 50% und die Verhältnisse an den Universitäten waren erbärmlich. Anstatt den Bildungsetat zu erhöhen, führte die Labour-Regierung 1998 Studiengebühren von bis zu 1000 Pfund pro Jahr ein. Durch ein kompliziertes Darlehensystem sollte auch ärmeren Studenten der Zugang zu den Universitäten erhalten bleiben. Es zeigte sich jedoch, dass die Darlehen, die abhängig vom Einkommen der Eltern vergeben wurden, oft nicht ausreichten um die Kosten für den Lebensunterhalt zu decken. Außerdem war das System nach Aussage eines britischen Ökonomen ein „Verwaltungsalptraum“ und fraß einen großen Teil der Studiengebühren wieder auf. Als Konsequenz wurde Anfang 2004 nicht etwa eine Abschaffung der Gebühren, sondern eine Erhöhung auf bis zu 3000 Pfund jährlich beschlossen.

Dies verdeutlicht die Hauptgefahr von Studiengebühren, nämlich eine nachträgliche Erhöhung und eine Veränderung der Finanzierungsmodalitäten für Studenten wie man besonders krass am Beispiel Australien sehen kann.

 

Australien: Gerechte Studiengebühren?

Die Lage dort ist von besonderem Interesse, da zunächst ein Modell ähnlich den momentanen Vorschlägen in Deutschland eingeführt wurde; dieses im Laufe der Jahre jedoch immer mehr US-Amerikanische Formen annahm.

1989 führte die damalige Labour-Regierung Studiengebühren von umgerechnet 1500 € pro Jahr ein. Als Bezahlungsmöglichkeiten bot man die einmalige Zahlung aller Gebühren im Voraus (upfront) bei einem Rabatt von 25%, sowie ein unverzinstes, der Inflation angepasstes Darlehen an. Die Rückzahlung des Darlehens richtete sich nach dem späteren Einkommen: Bis zum Durchschnittseinkommen von 19000 €, musste das Darlehen nicht zurückgezahlt werden, darüber wurden 3-5% des Verdienstes fällig. Drei Viertel der Studierenden nutzte diese Möglichkeit und der Rest bezahlte „upfront“. Nach einiger Zeit regten sich zunehmend Proteste, da die Studierenden, die auf das Darlehen angewiesen waren, effektiv bis zu dreimal so viel bezahlten, wie diejenigen, die alle Kosten auf einmal beglichen. Trotzdem wurden 1996 einschneidende Änderungen vorgenommen, die die Ungleichheit noch vergrößerten: Die Einkommensgrenze für die Rückzahlung wurde auf 13000 € heruntergeschraubt und der Prozentsatz am Jahreseinkommen auf bis zu 6% gesteigert. Was allerdings noch schwerer wog, war die Heraufsetzung der Gebühren für Neuanfänger. So muss man mittlerweile in den Geisteswissenschaften 4000 € und in Jura und Medizin sogar 7000 € pro Jahr bezahlen. Im gleichen Zuge wurden den Universitäten die staatlichen Zuschüsse gekürzt, wofür sie als Ausgleich bis zu 25% der Plätze „upfront“ verkaufen durften, allerdings zu einem Preis von jährlich 13000 €. Damit wurde faktisch für reiche Studenten eine Möglichkeit geschaffen, sich trotz schlechter Schulnoten einen Ausbildungsplatz zu erkaufen. Der forcierte Rückzug des Staates aus der Hochschulfinanzierung als Folge von Studiengebühren und nicht etwa die oft propagierte Verbesserung von Lehr- und Forschungsbedingungen zeigt sich in Australien mit äußerster Deutlichkeit.

 

 

 

 

Frankreich: Schärfste soziale Selektion trotz Gebührenfreiheit

Um einschätzen zu können, welche Folgen die Etablierung eines Elitebildungssystems für die deutsche Bildungslandschaft hat, ist es außerdem wichtig das französische Bildungswesen zu betrachten, da es wie das Deutsche im Kern staatlich organisiert ist.

Von zentraler Bedeutung sind die sogenannten Grandes Écoles, überwiegend staatliche Eliteuniversitäten. Sie zeichnen sich wie ihre privaten Äquivalente in den USA ebenso durch eine besonders scharfe Auslese ihrer Studierenden wie durch eine ausgezeichnete und v.a. umfassende Ausbildung aus. Die Absolventen haben zudem überdurchschnittlich gute Chancen einen Spitzenposten in einem Unternehmen oder im Staatsdienst zu besetzen. Obwohl nur

100 000 der 2.1 Millionen Studierenden an einer dieser Universitäten sind, haben 70 % der Vorstandsvorsitzenden (PDG) der 100 größten französischen Unternehmen und fast alle Minister und hohen Beamten ihren Abschluss auf einer Grande École erworben, allein 2\3 der PDG auf den drei angesehensten Universitäten mit wenigen hundert Studierenden: École National de l´Admistration (ENA), École Polytechnique (X) und École des Hautes Études Commerciale (HEC). Der staatliche Charakter der Schulen und das damit verbundene kostenlose Studium lassen auf eine leistungsgerechte Auswahl und eine soziale Zusammensetzung der Studierenden schließen, die den Verhältnissen in der Bevölkerung annähernd entspricht. Die Realität freilich unterscheidet sich krass von dieser Vorstellung: Neun von zehn Studierenden kommen aus den obersten 10 % der Bevölkerung.

Die Gründe hierfür liegen in einer sozialen Vorauslese an den Schulen und als Steigerung davon an den besonderen Aufnahmebedingungen der Grandes Écoles. Man kann sich das System als eine Pyramide vorstellen, in der die soziale Durchlässigkeit der einzelnen Elemente nach oben hin immer geringer wird.

Die erste Stufe der Selektion ist das Abitur (Baccalaureat, Bac), das nur 20 % der Arbeiterkinder machen, aber 80 % der Kinder von Freiberuflern, leitenden Angestellten und Unternehmern. Eine Besonderheit in Frankreich stellt die Differenzierung in drei verschiedene Typen dar, die sich in ihrem Schwerpunkt unterscheiden. Hierbei ist das Bac S mit dem Schwerpunkt Mathematik und Naturwissenschaften das Anspruchsvollste und damit für Aufnahmeprüfungen „wertvollste“. Entscheidend ist in diesem Zusammenhang die historisch bedingte herausragende Bedeutung der Naturwissenschaften und der Mathematik in Frankreich. Es wählen jedoch nur 19 % der Abiturienten aus Arbeiterfamilien diese Variante, dagegen fast 60% derer aus dem gehobenen und Großbürgertum. Die Relevanz dieses Missverhältnisses wird deutlich, wenn man den zweiten Selektionsfilter auf dem Weg zur Aufnahmeprüfung an den Grandes Écoles, den unabdingbaren Besuch einer zweijährigen sogenannten Classe préparatoire, betrachtet.

Nur ca. 10 % aller Abiturienten besuchen eine solche Klasse, aber 46 % derer mit dem Bac S, die dann auch 57 % der Schüler stellen. Ihre Vorteile ergeben sich aus der überwiegend naturwissenschaftlichen Ausrichtung der Klassen. Aber selbst in speziellen ökonomischen Klassen sitzen deutlich mehr mit dem Bac S, obwohl es ein wirtschafts- und sozialwissenschaftlich ausgerichtetes Bac B gibt. Die soziale Zusammensetzung der Classes préparatoire ist deutlich zugunsten der Kindern aus den oberen Bevölkerungsschichten verschoben, die mit 48,5 % der Schüler mehr als vierfach überrepräsentiert sind. Die Arbeiterkinder hingegen stellen nur 6,8 %. Ausschlaggebend dafür sind neben dem „richtigen“ Abitur v.a. persönliche Auswahlgespräche, die über die Teilnahme an einer Classes préparatoire entscheiden.

Als letzter Schritt vor der Zulassung an den Grandes Écoles stehen schließlich die berüchtigten Aufnahmeprüfungen, die „Concours“, an. Diese trennen endgültig die Spreu vom Weizen und so werden z.B. an der ENA von 2000 Bewerbern nur 150 angenommen. Obwohl die Bewerber schon durch die bereits geschilderten vorgeschalteten Auswahlkriterien selektiert wurden, und sich nach Leistungskriterien auf einem sehr ähnlichen Level befinden, bestehen mehr als doppelt so viele Kinder aus dem gehobenen Bürgertum die Prüfung im Gegensatz zu Kindern aus den breiten Mittelschichten und der Arbeiterklasse.

Die Erklärung für diese scharfe soziale Selektion findet man in den persönlichen Auswahlgesprächen, die wie beschrieben auch schon in den Aufnahmebedingungen für die Classes préparatoire und für die Eliteuniversitäten in den USA und England Verwendung finden. In diesen Gesprächen zählen anders als in schriftlichen Tests personenspezifische Merkmale wie gutes Allgemeinwissen, die Beherrschung bestimmter Umgangsformen und v.a. ein souveränes Auftreten. Sie lassen sich unter der Maxime zusammenfassen, dass man auf Seiten der Entscheider seinesgleichen sucht. Die Prüfer stammen überwiegend selbst aus den „besseren Kreisen“ und so fällt die Entscheidung entsprechend zu Gunsten der Bewerber aus den obersten 10 % der Bevölkerung aus, die als Resultat 90 % der Studenten stellen.

Auswahlgespräche, die auch in Deutschland als entscheidendes Kriterium für die Aufnahme an mögliche Eliteuniversitäten genannt werden, und nach deren Ergebnis schon bald in den von der ZVS vergebenen Fächern 50 % der Studenten ausgewählt werden sollen, sind die unfairste Möglichkeit der Selektion von Bewerbern. Eindrucksvoll bewiesen wird dies neben den bereits geschilderten Konsequenzen in Frankreich durch eine Studie an der US-amerikanischen Eliteuniversität Harvard, die gezeigt hat, dass Auswahlgespräche das gleiche Ergebnis erbringen wie eine direkte Versteigerung der Studienplätze gegen Geld.

Von einer sozialen Öffnung der Spitzenhochschulen kann also keine Rede sein, und wenn man die letzten 30 Jahre betrachtet, so geht der Trend in allen führenden Industriestaaten immer weiter hin zu einer geschlossenen, zweigeteilten Gesellschaft. Kam z.B. 1970 immerhin noch jeder fünfte Student an der ENA aus der Arbeiterklasse und den breiten Mittelschichten, so ist es heute wie beschrieben nicht einmal mehr jeder zehnte. An den britischen public schools und den amerikanischen Eliteuniversitäten ist die Entwicklung ähnlich, aber aufgrund des sowieso vorhandenen Selektionsfaktors Studiengebühren ( auch hier wird forciert, wie die Verdopplung der durchschnittlichen Verschuldung amerikanischer Studierender in nur sechs Jahren zeigt) nicht ganz so krass.

 

Die Seilschaften der Mächtigen: Folgen eines Elitebildungssystems

Ein weiteres gravierendes Problem eines Elitebildungssystem ist die zunehmende Konzentration der Gelder an den Vorzeigeuniversitäten. Das Budget von Harvard liegt bei 2,5 Milliarden (!) Dollar (wovon allerdings „nur“ 25 % vom Staat getragen werden) und die Grandes Écoles vereinen mehr als ein Drittel der staatlichen Gelder auf sich, obwohl sie nicht einmal jeden zwanzigsten Studierenden ausbilden. Auch wenn in Deutschland nie ein Harvard oder eine ENA stehen wird, haben die nach dem Wunsch der Regierung in den Wettbewerb tretenden Universitäten bereits heute aufgrund ihrer geographischen Lage und ihrer Nähe zur Industrie eine unterschiedliche Attraktivität und finanzielle Ausstattung mit Drittmitteln. Die besseren Schulabgänger entscheiden sich für die besseren Universitäten und wenn dann eine von den Leistungsquoten der Universität abhängige Finanzierung eingeführt wird, führt dies zu einer Hierarchisierung und de facto zu einem System wie in den USA oder Frankreich.

Ein letzter, weniger offensichtlicher, aber wichtiger Nachteil ist die zunehmende Entfernung der Eliten von den Problemen und Bedürfnissen der Gesellschaft. Abgänger der Public Schools, Grandes Écoles oder Ivy League -Universitäten (Zusammenschluss der acht ältesten Eliteuniversitäten der USA) haben ihre Ausbildung fast ausschließlich zusammen mit Menschen der gleichen sozialen (Ober-)Klasse absolviert, und dementsprechend schwer fällt es ihnen sich in die Köpfe „normaler“ Bürger hineinzudenken und deren Standpunkte wahrzunehmen, geschweige denn Verständnis dafür aufzubringen. Ausgesprochene Arroganz, ein unnatürliches Selbstverständnis von Machtausübung und eine Kritikresistenz, die, wenn man es überspitzt formulieren will, teilweise der des Sonnenkönigs Ludwig XIV nahe kommt, sind die Folgen. Dies zeigt sich in den verlogenen Auftritten führender Politiker der Länder ebenso wie in den völlig überzogenen Gehältern und Abfindungen von Spitzenmanagern trotz teilweise haarsträubender wirtschaftlicher Fehlentscheidungen und ihren offensichtlichen Eingriffen in die politischen Entscheidungsfindungen. In Frankreich werden regelmäßig Stimmen laut, die die Ausbildung an der ENA als weltfremd und realitätsfern kritisieren. In Deutschland konnte man die Arroganz der Mächtigen am Beispiel von Josef Ackermann und Klaus Esser beobachten, die das über sie entscheidende Gericht hart attackieren, und bereits zu Prozeßbeginn den Medien gegenüber Siegesgewissheit demonstrieren. Neben diesem ausgeprägten Elitebewusstsein, birgt die Konzentration der herrschenden Klasse in Wirtschaft, Politik, Justiz und Verwaltung an einigen wenigen Eliteinstitutionen eine weitere Gefahr. Es entstehen zu Schulzeiten Bekanntschaften und Zusammenschlüsse, die sich im Berufsleben fortsetzen und eine Verflechtung von Wirtschaft und Staat herstellen, die allen Arten von Lobbyismus und Korruption Tür und Tor öffnet. Zudem sorgen die Verbindungen unter Enarques, Etonians oder den Mitgliedern der berüchtigten Geheimlogen in den USA ( der „Skull and Bones“ Bund, dem auch der jetzige Präsident angehört, ist ein bekanntes Beispiel) für eine gegenseitige Begünstigung bei der Besetzung von Spitzenpositionen und sichern damit das große Gewicht und die Kontinuität der Mitglieder in Wirtschaft und Politik. Zur Erhaltung dieser „Seilschaften“ über Generationen hinweg, haben die Kinder von Ehemaligen eine erwiesenermaßen deutlich höhere Chance an den Elitebildungseinrichtungen angenommen zu werden, selbst bei eigentlich nicht ausreichenden Leistungen.

 

Skandinavien: Gute Bildung für alle

Nach der Betrachtung der Bildungswesen in drei der fünf führenden Industriestaaten bleibt die Frage offen, ob es eine gerechtere und effiziente Alternative zum in diesen Ländern dominierenden System der Elitebildung gibt. Zur Beantwortung muss man wie so oft in Bildungsfragen nach Skandinavien schauen.

In den drei nordischen Ländern ist das Studium grundsätzlich gebührenfrei ( in Finnland und Schweden sind Studiengebühren sogar per Gesetz verboten) und es werden außerdem fast alle Studierenden mit einem vom Einkommen der Eltern unabhängigen Grundbetrag gefördert. Dieser deckt zwischen 30 und 80 % des Lebensunterhalts. Dadurch kommen wesentlich mehr Studierende in den Genuss staatlicher Förderung als in Deutschland, wo nur etwa 25 % BaföG erhalten. Auch wenn es zunächst ungerecht erscheint, dass auch Studierende, deren Eltern gut verdienen, gefördert werden, belegen Zahlen aus Großbritannien, wonach mehr als jeder dritte Studierende nicht den von der Regierung berechneten Beitrag der Eltern zum Lebensunterhalt erhält, die Wichtigkeit einer allgemeinen Grundförderung. Zusätzlich kann jeder Studierende für maximal sechs Jahre ein niedrig verzinstes Darlehen aufnehmen, das nach dem Studium ab einem festgelegten Mindestverdienst mit ca. 4 % des Einkommens zurückgezahlt wird. Die Stipendien und Darlehen sind wie das deutsche BaföG an Leistungsnachweise gekoppelt, die einen gewissen Fortschritt im Studium signalisieren. Die Verhältnisse sind in allen Staaten ähnlich und neben den erwähnten Unterstützungen sind auch soziale Leistungen für die Studierenden beispielhaft entwickelt. So kann z.B. jeder finnische Studierende für einen Semesterbeitrag von 60 € u.a. eine fast kostenlose Gesundheitsversorgung in Anspruch nehmen und für den halben Preis Bahn fahren. Kritische Stimmen bemängeln die zu ausgedehnten Privilegien, doch sind die durch Missbrauch entstehenden Schäden im Vergleich zu den positiven Folgen eines freien Hochschulzugangs und einer umfassenden Förderung zu vernachlässigen. Das System führt besonders im Zusammenspiel mit den vorbildlichen Schulmodellen zu einer geringen sozialen Selektion und einer hohen Zahl von Hochschulabsolventen und damit zu einer großen Zahl gut ausgebildeter Akademiker und Facharbeiter. Durch eine soziale Öffnung des Bildungswesens werden außerdem das in der Gesellschaft verteilte Wissen und die Talente der Menschen bestmöglich genutzt. Grundlage des Ganzen ist eine Hochschulfinanzierung, die den Ansprüchen des Informationszeitalters noch gerecht wird. Der Anteil der Ausgaben für Hochschulen an den öffentlichen Gesamtausgaben beträgt in diesen Ländern ca. 4 %, in Deutschland hingegen nur 2,3 % (OECD-Durchschnitt:3,0 %, Großbritannien 2,6 %, Frankreich 2,3 %) Zur Deckung dieser Ausgaben werden im Gegensatz zu Deutschland große Vermögen und Erbschaften besteuert, und die Steuersätze für Spitzenverdiener sind, wie auch das generelle Steuerniveau, höher. Die Bürger in diesen Ländern schätzen die sozialen Errungenschaften und die Solidargemeinschaft und sind auch bereit dafür zu bezahlen.

Die gute wirtschaftliche Entwicklung bestätigt die Regierungen in ihrer Politik, die einer guten Bildung für große Teile der Bevölkerung einen hohen Stellenwert beimisst.

 

Die großen Industrieländer zeigen, dass ein Elitebildungssystem vor allem eins bewirkt: Die Eliminierung der Chancengleichheit und die Zementierung der Vorteile der Kinder aus sozial bessergestellten Familien. Die viel wichtigere Breitenbildung wird vernachlässigt und es bilden sich zudem elitäre Kreise, die den Demokratiegedanken ad absurdum führen.

Studiengebühren sind, wie immer die Einstiegsmodelle auch aussehen, für den Staat stets ein Vorwand, sich aus der Bildungsfinanzierung zurückzuziehen und sie dienen dazu die Kinder aus reichen und wohlhabenden Familien vor der öffentlichen Bildungsmisere zu bewahren, indem sie eine Hierarchisierung der Hochschullandschaft herbeiführen.

Bildung als öffentliches Gut darf aber nicht zum Privileg einiger Weniger werden und daher gilt es gegen die politischen Richtungsvorgaben und gegen die öffentlichen Meinungsbildner Stellung zu beziehen, und sich für einen freien Hochschulzugang wie in Skandinavien zu engagieren.

 


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Einen Staat beurteilt man nach seiner Urteilssprechung.

(Stanislaw Jerzy Lec)