Flucht in den Wortbruch

Vielen amerikanischen Unternehmen werden die Rentenzusagen an ihre Mitarbeiter zu teuer. Sie versuchen, ihre Verpflichtungen loszuwerden. Droht den USA massenhafte Altersarmut?

 

In der Detroiter Zentrale der United Auto Workers of America (UAW), der US-Gewerkschaft der Autobauer, jagt in diesen Tagen eine Krisensitzung die nächste. Vorvergangene Woche hatte Rick Wagoner, Vorstandschef von General Motors (GM), eine schockierende Nachricht verkündet: Der Konzern wolle 25.000 Jobs auf dem Heimatmarkt streichen. Die Antwort der Gewerkschaft auf die geplanten Massenentlassungen kam keine drei Tage später. Statt Streikparolen bot die UAW Gespräche an. Man sei bereit, Zugeständnisse zu machen, ließ Vize-Gewerkschaftsboss Dick Shoemaker kleinlaut wissen.

Die Arbeitnehmervertreter hatten kaum eine andere Wahl. Wenn der schlingernde Branchenprimus GM nicht wieder auf Kurs kommt, stehen nicht allein Arbeitsplätze auf dem Spiel. Das Unternehmen zahlt auch die Krankenversicherung für eine Million Amerikaner. Und zusätzlich finanziert GM einen Großteil der Rente für Hunderttausende ehemalige und heutige Mitarbeiter.

Der US-Autobauer wäre nicht der erste US-Konzern, der sich per Insolvenz von solchen Altlasten befreit. Erst vor drei Wochen erreichte United Airlines (UAL), immerhin die zweitgrößte Fluggesellschaft der Welt, dass ihre Pensionsverpflichtungen in Höhe von 6,6 Milliarden Dollar künftig vom staatlichen Sicherungsfonds Pension Benefit Guarantee Corporation (PBGC) übernommen werden. Die 120.000 Mitarbeiter verlieren dabei Ansprüche im Wert von über drei Milliarden Dollar. Das Argument von UAL-Vorstandschef Glenn Tilton: Nur so könne die Airline mit den Billigfliegern konkurrieren. Auch Wettbewerber US Airways, die Nummer sieben der Branche, meldete sich innerhalb der vergangenen zwei Jahre gleich zweimal zahlungsunfähig – und konnte auf diese Weise so gut wie alle Pensionsverpflichtungen über Bord werfen.

Die Stahlindustrie sanierte sich auf Kosten der Ruheständler

Andere Gesellschaften könnten sich an UAL und US Airways nun ein Beispiel nehmen, fürchten Beobachter. Schon warnen Delta und Northwest vor einer bevorstehenden Pleite. »Wenn es einem Unternehmen gelingt, kann das einen Dominoeffekt quer durch die jeweilige Branche auslösen«, warnt Olivia Mitchell, Altersvorsorgeexpertin an der Wharton Business School.

Auf gleiche Weise sanierte sich bereits die Stahlindustrie. In der großen Krise hatten nahezu alle bedeutenden Stahlkonzerne der USA Insolvenz angemeldet – und ihre Pensionsverpflichtungen in Höhe von insgesamt 14 Milliarden Dollar der PBGC überlassen. Für die betroffenen Arbeitnehmer sind die Folgen dramatisch. Denn der staatliche Sicherungsfonds zahlt maximal 45.000 Dollar jährlich aus. Und wer sich vor dem 65. Geburtstag in den Ruhestand verabschiedet, muss deutliche Einbußen in Kauf nehmen. Die Piloten der Pleiteflieger, die laut Gesetz überhaupt nur bis 60 arbeiten dürfen, treffen die PBGC-Vorschriften deshalb besonders hart. »Einzelne Piloten erhalten nur 29.600 Dollar jährlich«, berichtet John Mazor von der Pilotengewerkschaft Alpa-Flug – statt 60.000 bis 80.000.

Leroy McClelland arbeitete 42 Jahre lang beim Stahlriesen Bethlehem Steel. Vor fünf Jahren ging er mit 63 in Rente. Das Unternehmen hatte ihm eine Betriebsrente von 2800 Dollar zugesagt – genug, um den Ruhestand mit seiner Frau Kathryn zu genießen, wie er glaubte. »Der Vertrag war das Papier nicht wert, auf dem er geschrieben stand«, sagt der Exstahlarbeiter heute. Tatsächlich beträgt die Rente des Stahlarbeiters heute nur 1900 Dollar monatlich. Davon muss er nun auch die Krankenversicherung bezahlen, die früher von Bethlehem Steel finanziert wurde. Einige seiner Exkollegen haben sogar zwei Drittel ihrer versprochenen Pensionszahlungen eingebüßt.

»Wir sind eines der reichsten Länder der Erde, aber im Alter bleibt uns ein Leben in Würde versagt«, sagt McClelland. Was ihn besonders erbittert: Der Großinvestor Wilbur Ross, der die maroden Werke billig übernahm und zu einer Einheit verschmolz, konnte das sanierte Unternehmen im vergangenen Jahr verkaufen. Seine Investoren verdienten 2,1 Milliarden Dollar, ihm selbst soll der Deal rund 300 Millionen Dollar eingebracht haben.

Lange glaubten die Amerikaner, mit ihrem Drittelmix aus Betriebspension, Staatsrente und eigenen Ersparnissen die optimale Altersabsicherung zu haben. Wie das Einfamilienhaus und das Auto gehörte bis zu den achtziger Jahren der Job bei einem der US-Schwergewichte wie General Motors, Ford, General Electric, AT&T oder IBM zum amerikanischen Traum des Mittelstands – gerade weil zur Arbeitsstelle bei den Traditionskonzernen in der Regel auch die Zusage gehörte, langjährigen Mitarbeitern eine lebenslange Rente und Krankenversicherung zu zahlen. »Die Unternehmen würden ihre Versprechen, die aus einer anderen Ära stammen, gern zurücknehmen. Und viele versuchen das ganz aktiv«, sagt Karen Friedman vom Pension Rights Center, einem Interessenverband für Arbeitnehmer. In Zeiten globalen Wettbewerbs erweisen sich die Pensionslasten immer mehr als Wettbewerbsnachteile. Nach Schätzungen von Analysten beträgt der Kostenanteil für die Altlasten bei General Motors pro in den USA produziertem Fahrzeug 1780 Dollar. Bei Toyota hingegen liegt der Anteil unter 200 Dollar.

Kein Wunder, dass die lebenslange Betriebsrente ein Auslaufmodell ist. Mitte der achtziger Jahre waren noch 112.000 Pensionsfonds gemeldet, die 40 Prozent der amerikanischen Arbeiter absicherten. Heute sind es nur noch 31.000 Fonds, die lediglich 20 Prozent der Ruheständler und ihre Angehörigen versorgen. Doch das sind immer noch 44 Millionen Menschen.

Gleichzeitig häufen sich die Fälle, in denen der bislang von den Unternehmen finanzierte Sicherungsfonds PBGC einspringen muss. Dem droht jetzt selbst die Pleite. Noch vor fünf Jahren verfügte die Institution über einen Überschuss in Höhe von knapp 10 Milliarden Dollar. Inzwischen ist ein Minus von über 23 Milliarden Dollar aufgelaufen.

Würde er tatsächlich zahlungsunfähig, müsste der Staat einspringen – und das würde teuer werden. Ein solches Notopfer könnte leicht die Größenordnung der Rettungsaktion für die maroden US-Sparkassen und Pfandhäuser Anfang der achtziger Jahre erreichen. Damals brach der Garantiefonds der Branche zusammen, und der Staat musste 300 Milliarden Dollar ins System pumpen.

Das düstere Szenario sorgt im Weißen Haus für Nervosität. Im Januar schlug Präsident Bush eine Reform des Systems vor. Ausgerechnet angeschlagene Unternehmen sollen schneller und mehr einzahlen als bisher. Nicht nur bei den Arbeitgebern regt sich Widerstand. »Wenn die Finanzierungsbestimmungen weiter verschärft werden, dann hat das nur den Effekt, dass noch mehr Unternehmen ihre Pensionszusagen widerrufen«, fürchtet Pilotenvertreter Mazor. Gemeinsam werben Arbeitnehmer und Arbeitgeber im US-Kongress dafür, den angeschlagenen Unternehmen wie etwa den Fluggesellschaften bis zu 25 Jahre Zeit zu geben, um ihre Pensionskassen aufzufüllen. Die gewerkschaftsnahe Rentenrechtsexpertin Phyllis Borzi sieht hinter dem vorgeblichen Sanierungsplan der Bush-Regierung denn auch erwünschte Nebenwirkungen: »Damit soll letztlich das Ende der Pensionskassen beschleunigt werden.«

Individuelle Altersvorsorge überfordert viele Menschen

Gleichzeitig propagiert der Präsident die so genannte Ownership Society – die Eigentümergesellschaft, wobei der Einzelne sein ökonomisches Schicksal selbst in die Hand nimmt. Geht es nach seinen Vorstellungen, so soll künftig auch die Sozialversicherung privatisiert werden. Ähnlich wie in Deutschland und Japan steht die öffentliche US-Rentenkasse vor der Frage, wie immer weniger berufstätige Versicherte immer mehr Rentner finanzieren sollen. Bushs radikale Lösung: Jeder zahlt für sich selbst. Statt einer generationsübergreifenden Kasse will er Einzelkonten einführen.

Das Vorbild sind die privaten Rentensparpläne, die in den vergangenen Jahrzehnten die traditionelle Betriebsrente immer mehr abgelöst haben. Diese Sparprogramme werden in der Regel von Arbeitnehmer und Arbeitgeber gemeinsam finanziert. Das Anlagerisiko trägt jedoch allein der Arbeitnehmer. Was das konkret für ihre Altersvorsorge bedeutete, haben die Sparer nach dem ersten Platzen der Aktienblase erfahren: Statt schöner Renditen gab es handfeste Verluste.

Besonders bitter traf es Mitarbeiter von Skandalfirmen wie dem Energiehändler Enron oder der Telefongesellschaft Worldcom. Wie viele andere Unternehmen hatten die ihre Mitarbeiter dazu animiert, einen großen Teil der Gelder in Aktien ihres Arbeitgebers anzulegen – auf diese Weise stand das Geld dem Unternehmen wieder zur Verfügung. Bei deren Pleite verloren die Angestellten also nicht nur ihren Job, sondern auch ihre Altersvorsorge. Gleichwohl vertrauen noch immer viele Mitarbeiter dem Unternehmen, für das sie arbeiten, am meisten und gewichten die Aktie höher in ihren Portfolios. »Die meisten sind mit der Geldanlage völlig überfordert«, sagt Alicia Munnell, Professorin am Boston College. Sie hat die Sparprogramme untersucht und die Ergebnisse in einem Buch zusammengefasst.

Die bisherigen Erfahrungen lassen massive Zweifel daran aufkommen, dass die Einzelkonten die Patentlösung sind. Manche Experten prognostizieren für den Fall ihrer Einführung sogar massive Massenaltersarmut. So war die ehemalige Clinton-Beraterin Munnell kürzlich geladen, einen Vortrag an der Uni Frankfurt zu halten. Ihre Antwort auf die Frage, ob Amerika als Vorbild für eine deutsche Rentenreform dienen könnte, fiel denkbar knapp aus: »Don’t do it

 

von Heike Buchter

Quelle: Die Zeit vom 23.06.05

 


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