Wir sind deutsche Studierende in Frankreich und wir erleben gerade eine der grössten Bewegungen gegen soziale Ungerechtigkeit seit Mai 1968. Da wir den Eindruck haben, dass ihr über die deutschen Medien nur unzureichend und teilweise unzutreffend informiert werdet, wollen wir euch die Ereignisse der letzten Wochen kurz und knapp aus der Innensicht der Bewegung näher bringen.
Die derzeitige Regierung Frankreichs versucht durch neoliberale „Reformen“ die sozialen Errungenschaften des letzten Jahrhunderts rückgängig zu machen. Dies versuchen sie mit fragwürdigen und undemokratischen Methoden durchzusetzen.
Im Mittelpunkt der Proteste steht das „loi d’égalité des chances“ (Gesetz zur Chancengleichheit). Die Ironie dieser Bezeichnung wird durch folgende Inhalte deutlich:
Die Regierung gibt vor, die Arbeitslosigkeit damit zu senken zu wollen. Wäre dies der Fall gewesen, hätte man dieses Gesetz nicht nachts um 2 Uhr in Anwesenheit von nur 74 von 577 Abgeordneten durchdrücken müssen. In Wirklichkeit werden die Arbeitnehmer nur schonungslos dem Global Play der Grosskonzerne ausgeliefert.
Angesichts dieser Situation - die es z.B. immer schwieriger macht, sich gewerkschaftlich zu organisieren und einen sicheren Job zu bekommen - hat sich ein Grossteil der französischen Bevölkerung gegen diese neoliberale Politik mobilisiert. Vor zwei Monaten begannen die Universitäten zu streiken, heute beteiligen sich alle Bevölkerungsschichten.
Auch die deutsche Bevölkerung reagiert auf den Sozialabbau. Demonstrationen gegen Hartz IV, Proteste gegen Studiengebühren, schon zwei Monate dauernde Streiks in verschiedenen Städten Deutschlands...
Auch in Italien gibt es Demonstrationen, in England gab es am 28.3 laut Times die grösste Demonstration seit 1926. Alle diese Demonstrationen richten sich gegen Sozialabbau. Dies könnte der Anfang einer europaweiten Bewegung sein, da wir uns alle in der gleichen neoliberalen „Reformpolitik“ wiederfinden und die Globalisierung - einhergehend mit der weltweiten Ausbeutung und Unterdrückung - leider nicht vor unseren brutal bewachten europäischen Pforten halt macht.
In Frankreich war der CPE der Auslöser für Millionen von Bürgerinnen und Bürgern „Nein“ zu sagen.
Die CDU/SPD-Regierung hat in ihrem Koalitionsvertrag ein ähnliches Gesetz vereinbart, dass allerdings bisher in Deutschland kaum Menschen auf die Strasse oder die Palme (in Deutschland gibt’s ja auch keine) gebracht hat. Dies wäre eine gute Gelegenheit die verschiedenen Bewegungen gegen Sozialabbau in Deutschland zu verbinden und sich dadurch in die europaweite Bewegung einzureihen und den Sozialstaat zu erkämpfen. Mit allen Mitteln.
Im Namen der studentischen Vollversammlung der Universität Aix-Marseille I
Johanna Metzler
Florian Wagner
Timm Sureau
Dies ist die bundesweite Seite der Internetplattform von Uebergebuehr. Uebergebuehr beleuchtet Bildungspolitik kritisch und arbeitet außerparlamentarisch auf ein freies, demokratisches und emanzipatorisches Bildungswesen hin.

(Jürgen Peters)