Die soziale Kluft wächst

Ergebnisse der 17. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks

Die Sozialerhebung liefert umfassendes Datenmaterial zur Entwicklung der Studierendenzahlen, zur Fächerstruktur und zum Studienverlauf. Besonders ernüchternde Zahlen präsentierte die 17. Sozialerhebung zur Bildungsbeteiligung und zur sozialen Zusammensetzung der Studierenden. Männer und Frauen im studierfähigen Alter (19 bis 24 Jahre), deren Väter die Hochschulreife erworben haben, nehmen zu 82 Prozent ein Studium auf (+7% gegenüber der Sozialerhebung 2001). Hat der Vater einen Realschulabschluss reduziert sich der Anteil auf 27 Prozent (-6%), bei einem Hauptschulabschluss auf 20 Prozent (+5%). Dasselbe Bild zeigt sich bei der Betrachtung der sozialen Herkunft, die neben der Schulbildung der Eltern auch den Berufsabschluss der Eltern und ihre Stellung im Beruf berücksichtigt. Während die "gehobene" Herkunftsgruppe ihre Beteiligung an der Hochschulbildung am stärksten steigerte (+15%), war auch bei diesem Parameter die Entwicklung für die Herkunftsgruppe "mittel" stark rückläufig (-20%). "Absacken der Mitte bei starkem Zugewinn seitens der 'oberen' und moderatem Wachstum der 'unteren' sozialen Gruppe - das ist das Gegenteil von Entwicklung zu mehr Chancengerechtigkeit", resümierte Hans-Dieter Rinkens bei der Vorstellung des Berichts.

Studierende in Deutschland verfügen im Durchschnitt über 767 Euro monatliche Einnahmen - das sind über 200 Euro mehr als vor zwölf Jahren. Die Unterschiede bei der Einkommenssituation sind dabei beträchtlich: Rund ein Viertel der Studierenden hat weniger als 890 Euro. Berücksichtigt sind dabei ledige Studierende im Erststudium, die nicht im Elternhaus leben - "Normalstudenten" im Statistiker-Jargon. Mit dem Lebensalter nimmt der Anteil der Finanzierung durch die Eltern ab: Für 21-jährige Studierende liegt er bei 62 Prozent, für 25-jährige bei 54 Prozent und für 28-jährige bei 37 Prozent. Unterschiede gibt es auch zwischen Ost und West. Während die monatlichen Einnahmen der Studierenden in den alten Ländern bei durchschnittlich 786 Euro liegen, betragen sie in den neuen Ländern lediglich 666 Euro.

Die meisten Studierenden wohnen in einer eigenen Wohnung, in der Regel einer Mietwohnung. Etwa 23 Prozent leben allein in der Wohnung, 20 Prozent teilen sich die Wohnung mit einem Partner oder einer Partnerin. Jeweils rund 22 Prozent der Studierenden wohnen bei den Eltern oder in einer Wohngemeinschaft. Der Anteil der Studierenden, die in einem Wohnheim leben, liegt bei 12 Prozent. Zur Untermiete wohnen noch knapp 2 Prozent der Studierenden. Frauen wohnen seltener als Männer bei den Eltern (18% versus 25%). Die monatlichen Ausgaben der Studierenden für Miete und Nebenkosten belaufen sich auf durchschnittlich 250 Euro. Gegenüber dem Jahr 2000 sind die Mietausgaben nominal um gut 10 Prozent gestiegen.

Der durch Jobben erworbene Anteil am Einkommen der Studierenden sank um 4 Prozent, macht allerdings immer noch mehr als ein Viertel des Budgets aus. 68 Prozent sind erwerbstätig. Die Stundenzahl, die Studierende im Erststudium arbeiten, streut relativ breit: Ein Sechstel arbeitet bis zu vier und acht Stunden in der Woche, ein weiteres Viertel zwischen fünf und acht Stunden und jeder Fünfte investiert zwischen neun und zwölf Stunden in Erwerbstätigkeit nebenher. Schon die Nähe von Teilzeitbeschäftigung erreicht beinahe jeder sechste Studierende. Viele Studierende haben Zeitkonflikte, wenn es darum geht, Studium und Erwerbstätigkeit miteinander zu vereinbaren. Dies führt schon jetzt sehr oft zu einer Verlängerung der Studienzeit. Die Arbeitswoche der meisten Studierenden umfasst zwischen 31 und 45 Stunden (43%). Mehr als jeder dritte (36%) liegt jedoch mit mehr als 45 Arbeitsstunden je Woche darüber, fast ein Viertel aller (23%) bewältigt sogar ein Gesamtpensum von mehr als 50 Wochenstunden.

Erstmals seit mehreren Jahren stieg der BAföG-Anteil an den Gesamteinkünften der Studierenden wieder von 10,9 auf 13,2 Prozent an. Der Anteil der BAföG-Empfänger stieg von 20 auf 23 Prozent an, lag damit aber immer noch deutlich unter der Quote von 1991, als 33 Prozent der Studierenden BAföG-Stipendien erhielten. Nur für ein Prozent der Studierenden ist die BAföG-Förderung eine umfassende Studienfinanzierung. Den Großteil des Budgets mit knapp 50 Prozent tragen weiterhin die Eltern. Der weitaus größere Teil der Studierenden wird durch das Elternhaus unterstützt - dies sind rund 89 Prozent. Gut zwölf Prozent finanzieren sich allein durch Unterhaltsleistungen des Elternhauses. Der Anteil am Lebensunterhalt, der durch Erwerbstätigkeit erwirtschaftet wird, macht bei Studierenden mit "niedriger sozialer Herkunft" mit 32 Prozent den höchsten Anteil aus und nimmt mit zunehmender finanzieller Unterstützung durch die Eltern ab. Die Folge: Studierende mit "besserverdienenden" Eltern sind weniger auf eigene Erwerbstätigkeit angewiesen, folglich ökonomisch unabhängiger und mit besseren Studienerfolgschancen. Auch das "Mittelstandsloch" ist eine Folge der Förderung in Abhängigkeit vom Einkommen der Eltern. Studierende aus mittleren Einkommensschichten haben zunehmende Finanzierungsschwierigkeiten, da sie zwar die BAföG-Förderung verfehlen, jedoch nicht auf eine dauerhafte Finanzierung durch die Eltern bauen können. "Read.me", die Studierendenzeitschrift der GEW, erinnerte deshalb in ihrer jüngsten Ausgabe an das "Machtwort", mit dem Gerhard Schröder 1999 die Reformbemühungen um ein elternunabhängiges BAföG stoppte, nach dem das Kindergeld direkt an die Studierenden ausgezahlt werden sollte: Die Eltern müssten mit dem Kindergeld das Häuschen abbezahlen und das solle auch so bleiben.

Harald Freiling
Quelle: HLZ Ausgabe 12/2004


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