Eine Frage des Geldes

Während Kinder aus reichem Hause fleißig Credit Points sammeln, häufen sich bei ärmeren Studierenden die Maluspunkte. Die soziale Selektion wird weiter verschärft

Es könnten jetzt »deutlich mehr junge Menschen studieren und sich für die Zukunft unseres Landes qualifizieren.« So lautete das Fazit von Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn nach der Veröffentlichung der Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) im Sommer letzten Jahres. Im krassen Gegensatz dazu stehen die Maßnahmen, die derzeit auf der bildungspolitischen Agenda von Bund und Ländern stehen. Sie bedeuten eine weitere Verschärfung sozialer Selektion in allen Bildungsbereichen.

Arme werden ausgegrenzt

Auch die Ergebnisse der von Bulmahn gelobten Sozialerhebung legen die Interpretation nahe, daß der Hochschulzugang für junge Menschen aus unteren und mittleren Einkommensschichten in den letzten Jahren weiter erschwert wurde. Zwar ist es richtig, daß eine Steigerung der Studierendenzahlen zu verzeichnen ist, allerdings liegt dies vor allem an einer Zunahme der Bildungsbeteiligung von Kindern aus den oberen Einkommensschichten. Der Anteil von Kindern aus den mittleren Einkommensschichten hat dagegen massiv abgenommen, und in der unteren Einkommensschicht ist lediglich ein leichter Anstieg zu verzeichnen. Die Ergebnisse der Sozialerhebung zeigen also, daß sich trotz einzelner positiver Entwicklungen die soziale Ungleichheit im Bildungssystem insgesamt weiter verschärft hat.

Trotz der Kenntnis davon haben weder Bund noch Länder ein ernsthaftes Interesse daran, die Situation zu ändern. So werden dringend erforderliche Maßnahmen im (Vor-)Schulbereich, wie beispielsweise die Aufhebung des dreigliedrigen Schulsystems oder die Einführung eines verpflichtenden und gebührenfreien Kindergartenbesuchs, massiv blockiert oder immer wieder verschleppt. Durch diese und andere Hürden ist die Bildungsbeteiligung von Kindern aus Schichten mit niedrigem Einkommen weiterhin umso geringer, je höher die Anforderungen sind. Die rund zehn Prozent von ihnen, die trotz der bestehenden Hürden an die Hochschulen gelangen, sind dort mit weiteren Schwierigkeiten konfrontiert.

Eine zentrale Ursache dafür ist die Studienfinanzierung: Mit der von der SPD-Grünen-Bundesregierung auf den Weg gebrachten BAföG-Novelle wurden 2001 – unter anderem durch die Begrenzung des zurückzuzahlenden BAföG-Anteils auf 10 000 Euro – zwar zaghafte Schritte in eine richtige Richtung gemacht und für viele Studieninteressierte aus der unteren Einkommensschicht war damit erstmalig der Zugang zur Hochschule möglich. Um die Ausgaben für das BAföG nach der Reform möglichst konstant zu halten, verzichtete die Bundesregierung dann aber in den folgenden Jahren auf eine Anhebung der Regelsätze – trotz steigender Lebenshaltungskosten. Das BAföG stellt damit schon längst keine bedarfsdeckende Studienfinanzierung mehr dar. Nur für ein Prozent der Studierenden reichen die Zahlungen zur Finanzierung des Studiums aus. Studierende, die nicht auf Gelder von Eltern oder Verwandten zurückgreifen können, bleibt vor diesem Hintergrund oft nichts anderes übrig, als sich neben dem Studium einen Job zu suchen. Damit steht weniger Zeit zum Studieren zur Verfügung, und die Studiendauer verlängert sich. Wenn dann die BAföG-Förderberechtigung wegfällt, muß noch mehr gearbeitet werden. Viele Betroffene brechen in dieser Situation ihr Studium ab.

Studienabbrecher in NRW

Die nun von der baden-württembergischen Kultusministerin Annette Schavan in Aussicht gestellte Abschaffung des BAföG im Falle eines CDU-Wahlerfolgs bei den Bundestagswahlen 2006 würde den Hochschulzugang für Jugendliche aus Unter- und Mittelschicht weiter verbauen. Die aktuell geplanten bzw. bereits eingeführten Studiengebühren verschärfen das Problem noch weiter: Wer ohne BAföG dasteht, keine Unterstützungsmöglichkeit von seiten der Eltern hat und dann auch noch rund 500 Euro Studiengebühren im Semester bezahlen soll, hat kaum noch eine Chance, das Studium erfolgreich zu beenden. So mußten beispielsweise allein in Nordrhein-Westfalen nach der Einführung von Studienkonten über 30 Prozent der Studierenden die Hochschulen verlassen oder zumindest in andere Bundesländer wechseln, und auch in Hessen bedeutete die Einführung von Langzeitgebühren für viele Studierende in prekärer sozialer Situation das Ende ihrer Studiums.

Ein weiteres Problem für die Kinder aus Arbeiterfamilien sind die immer restriktiveren Studienordnungen, die meist im Rahmen der Einführung der neuen Bachelor- und Masterstudiengänge beschlossen werden. Wenn Studienmodule zum Beispiel nicht in einem bestimmten Zeitraum abgeschlossen werden oder wenn in einem Semester nicht eine bestimmte Mindestanzahl von Credit Points erzielt werden, gibt es Maluspunkte. Wer mehrere dieser Punkte angesammelt hat, wird automatisch exmatrikuliert. Klar, daß davon überproportional häufig diejenigen betroffen sind, die nicht über die notwendige finanzielle Unterstützung verfügen, um sich allein auf ihr Studium konzentrieren zu können.

Die genannten Entwicklungen sind Teil eines politischen Konzepts, daß die Organisation des Bildungssystems sowie den Zugang dazu ausschließlich marktförmiger Steuerung unterwerfen möchte. Konkurrenz zwischen Bundesländern, zwischen Hochschulen und vor allem zwischen den einzelnen Schülerinnen und Schülern, Studierenden und Auszubildenden wird gefördert und gefordert. Um das Fortdauern und die Verschärfung der sozialen Ungleichheit zu überwinden, wäre ein grundlegendes Umdenken erforderlich: Solidarität statt Konkurrenz, selbstbestimmtes Lernen statt Akkumulation von Humankapital. Erste Schritte wären ein generelles Gebührenverbot, eine bedarfsdeckende (Aus-)Bildungsfinanzierung und der Abbau von weiteren Zugangshürden auch im vorhochschulischen Bereich – unter anderem durch Abschaffung des dreigliedrigen Schulsystems.

* Die Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks wird bereits seit 50 Jahren durchgeführt und liefert im Abstand von drei Jahren die bedeutendste Datensammlung zur sozialen Situation der Studierenden in Deutschland. Die Ergebnisse können im Internet unter http://www.sozialerhebung.de abgerufen werden.

Alex Wagner ist aktiv im Bündnis linker und radikaldemokratischer Hochschulgruppen und der Demokratischen Linken Liste an der Uni Frankfurt am Main Weitere Informationen: www.lira-online.de


Dies ist die bundesweite Seite der Internetplattform von Uebergebuehr. Uebergebuehr beleuchtet Bildungspolitik kritisch und arbeitet außerparlamentarisch auf ein freies, demokratisches und emanzipatorisches Bildungswesen hin.

Schlimmer als die, die die Fehlentscheidungen abnicken, sind die, die die abnicken, die die Fehlentscheidungen abnicken.

(Pater Rolf Hermann Lingen, römisch - katholischer Priester)