Soziale Selektiviät im Bildungssystem

Die jüngst erschiene 17. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks belegt einmal mehr die nachhaltige Selektivität im Bildungswesen: Während Kinder aus bildungsfernen und/oder armen Haushalten bereits bei der Empfehlung für eine bestimmte Schulform diskriminiert werden und so zu einem geringeren Prozentsatz als andere Kinder das Gymnasium besuchen, reduziert sich diese Quote bei jeder kommenden Hürde weiter drastisch, so dass am Ende nur etwa zehn Prozent aus dieser Herkunftsgruppe ein Studium beginnen.

Wer es allen Widerständen von voreingenommenen LehrerInnen über Bildungsmittelfinanzierung, Nachhilfefinanzierung, Zugang zu Literatur etc. zum Trotz an die Hochschule geschafft hat, wird dort mit neuen Problemen konfrontiert, die Studierende aus "höheren" Herkunftsgruppen nicht oder nur abgeschwächt betreffen. Zum einen dauern die aus der Schulzeit bekannten Unterschiede fort. Zum anderen werden gerade unter der Maßgabe Hochschulreform viele Dinge neu geregelt, die weitere Benachteiligungen mit sich bringen statt sich an dem - auch von der Berlin-Konferenz proklamierten - Ziel eines Diskriminierungsabbaus zu orientieren. Beispiel Teilzeitstudium: Nachdem das Ziel einer ausreichenden Bildungsfinanzierung für alle Studierenden bisher nicht realisiert ist, sind viele Studierende auf Erwerbstätigkeit während des Studiums angewiesen - die einen mehr, die anderen weniger. Solche Arbeiten beeinträchtigen selbstverständlich das Studium: Es kann weniger Zeit aufgewendet werden, die Gedanken sind bei existenzielleren Sorgen, das Geld reicht vielleicht nicht für jedes benötigte Lehrbuch. Doch noch nicht einmal die flächendeckende Einführung eines Teilzeitstudiums unter Anerkennung solcher Beeinträchtigungen durch Erwerbsarbeit ist bisher gelungen. Gleichzeitig werden ärmere Studierende nach der Abschaffung der letzten Diplom- und Magisterstudiengänge in noch stärkerem Maße ausgeschlossen: BAföG für Master-Studiengänge gibt es nur im Ausnahmefall, für diejenigen ohne viel Geld ist nach dem Bachelor Schluss. Bildungsgerechtigkeit nach rot-grüner Art.

Das CDU-regierte Hessen wartet mit einer anderen Variante auf: Nach den Laptop-Klassen gibt es nun Premium-Studiengänge. Beiden ist gemeinsam, dass bessere Lehr- und Lernbedingungen erkauft werden können. Wer als Kind kein Laptop durch die Eltern finanziert bekommt oder als Studi nicht ein paar hundert Euro zusätzlich zu den allgemeinen Studiengebühren auf den Tisch legen kann, darf zwar auch lernen - kommt aber in die "Asozialen-Klasse" mit den anderen armen Kindern.

Die aktuelle Pisa-Studie unterstreicht abermals, dass das deutsche Bildungswesen eines der selektivsten weltweit ist. In keinem anderen Industriestaat entscheidet die soziale Herkunft so stark über die Bildungschancen und den Bildungserfolg. Von der frühen Kindheit an wird diskriminiert, ausgesondert, abgeschoben. Doch nicht dieses Thema, sondern die Frage, ob denn die Kinder in Deutschland besser oder schlechter rechnen können als die in Kanada, lässt die BildungspolitikerInnen ins Reden kommen. Auch unter den SchülerInnen und Studierenden in Deutschland soll die Konkurrenz weiter angeheizt werden, damit sich die "Besten" durchsetzen.

Wie könnte man die Durchlässigkeit im Bildungswesen erhöhen? Woran es zur Zeit vor allem fehlt, ist der Wille, dies zu tun. Offen wird für mehr soziale Selektion plädiert, werden Fördermaßnahmen für unnötig erklärt und das schlechte Abschneiden bei der PISA-Studie den "dummen Migrantenkindern" in die Schuhe geschoben. Wäre der Wille vorhanden, müsste man sich zunächst Gedanken über kurzfristige Maßnahmen machen: Eine Aufstockung der BAföG-Regelsätze, die Umstellung des BAföG auf ein reines Zuschussmodell, die Wiedereinführung des SchülerInnen-BAföGs wären solche ersten Schritte. Mittelfristig müsste eine ausreichende und elternunabhängige Bildungsförderung für alle stehen. Studiengebühren müssen verboten werden, Nachteilsausgleiche in Schule und Hochschule verankert werden. Von dem studentischen Vertretungen, auch und gerade auf Fachbereichsebene, wäre zu wünschen, sich verstärkt dieser Fragen in ihrem jeweiligen Umfeld anzunehmen: Verpflichtende Auslandspraktika auf eigene Rechnung sind ebenso abzulehnen wie Lehrpläne, die keinen Platz zur Nebenerwerbstätigkeit lassen. So könnte es gelingen, sich wirksam für ein solidarisches Bildungssystem einzusetzen.

Von Marco Tullney, Referent für Sozialpolitik im fzs


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