Deutschland ist wieder wettbewerbsfähig. Doch drei Hindernisse blockieren den Aufschwung
Umsonst ist der Tod auch bei Hartmut Woite nicht. Aber billiger. »Sarg-Discount« steht in braunen Buchstaben an der Eingangstür des Ladens in Berlin-Neukölln. Drinnen: zwei Stühle, ein Tisch, ein ausgetretener Teppich. Nur kein Schnickschnack. Der Tote hat ja nichts davon, wenn seine Hinterbliebenen in Plüschsesseln sitzen.
Hartmut Woite ist der Aldi unter den Bestattungsunternehmern.
Wenn er vom Tod redet, spricht er von Tiefstpreisen und vom Wucher der Konkurrenz. »Was anderswo als Pietät daherkommt, ist oft Geldschneiderei«, sagt der 62-Jährige. Sarg, Blumen, Ruhehemd, Friedhofsgebühren: Die durchschnittsdeutsche Bestattung kostet rund 4000 Euro. Woite beerdigt schon für 888 Euro.
Das Geschäft läuft gut. Fast jeden Morgen schickt Woite einen Lkw auf den Weg. Im Wagen liegen Särge aus roher Kiefer, ohne Farbe, ohne Lack. In den Särgen liegen Leichname, gehüllt in dünnen Stoff. Hemden und Holz kauft Woite billig in der Ukraine. »Seit die Polen in der EU sind, sind sie zu teuer geworden«, sagt er.
Nach 320 Kilometern stoppt der Wagen, in Chomutov, in Tschechien, in einem Krematorium gleich hinter der Grenze. Hier werden die Leichname eingeäschert. Hier sind die Gebühren so niedrig wie nirgendwo in Deutschland.
Ukraine. Tschechien. So hält Woite seinen Preis. »Eine Bestattung muss kein Vermögen kosten«, sagt er. Seit Jahren steigt bei ihm der Umsatz. Inzwischen hat Woite vier Filialen und 20 Angestellte. Denn die Deutschen wollen in diesen Zeiten vor allem eines: sparen, wo immer es geht, sogar bei den Letzten Dingen. Schließlich steckt das Land in der Krise.
Wirklich? Germany’s surprising economy titelt der britische Economist und preist die neue Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen. »Den größten Exporterfolg in der Geschichte der Menschheit« bejubelt Dieter Wermuth von der japanischen Großbank UFJ. Die deutsche Wirtschaft sei »in einer besseren Ausgangsposition als zu irgendeinem Zeitpunkt in den vergangenen zehn Jahren«, sagt David Walton, Europa-Chefvolkswirt der US-Investmentbank Goldman Sachs.
Tatsache ist: Deutschland ist auf den Weltmärkten erfolgreicher als jedes andere Land. Tatsache ist: Die 30 größten deutschen Unternehmen konnten im zweiten Quartal dieses Jahres einen Gewinn von fast zwölf Milliarden Euro verzeichnen, 9,3 Prozent mehr als im Vorjahr. Und Tatsache ist auch: Der Aktienindex Dax hat seit Jahresbeginn um 14 Prozent zugelegt, deutlich mehr als der US-Index Dow Jones.
Es sind die Vorboten des Aufschwungs. Wenn jetzt noch die Binnennachfrage anzieht, wenn die deutschen Verbraucher mehr Geld ausgeben, wenn die deutschen Unternehmen wieder mehr im Inland investieren, so die Experten, dann ist die Krise überwunden. Dann wächst die Wirtschaft wieder, dann entstehen endlich neue Arbeitsplätze.
Wenn.
Wer verstehen will, warum Deutschland nicht vom Fleck kommt, muss dieses Land bereisen. Dann entdeckt man die drei großen Irrtümer, die den Aufbruch verhindern.
Irrtum Nummer eins:
Die Deutschen sind Angstsparer
Der Discount-Bestatter Hartmut Woite sagt, unter seinen Kunden seien auch Leute aus dem Berliner Nobelviertel Dahlem. Aber die Mehrheit kommt eher aus Kreuzberg und Neukölln: Arbeiter, Niedriglöhner, kleine Angestellte. Der eine hat die Mutter verloren, der andere den Bruder. Bis vor ein paar Jahren hätten sie für die Beerdigung noch Geld vom Staat bekommen. Dann hat die Regierung das Sterbegeld, einst 4000 Mark, gekürzt, später ganz gestrichen. Seit dem 1. Januar 2004 ist der Tod, finanziell gesehen, wieder Privatsache.
Früher wäre das zu verschmerzen gewesen. Damals, als ein deutscher Facharbeiter von Jahr zu Jahr mehr verdiente. Vorbei. Nach Berechnungen der OECD steigen in Deutschland die Löhne und Gehälter seit zehn Jahren kaum noch. Dafür werden Benzin und Heizöl immer teurer. Die Regierung hat die Tabaksteuer erhöht, die Praxisgebühr und eine größere Selbstbeteiligung bei Medikamenten eingeführt, zuletzt haben auch noch die Krankenkassenbeiträge zugenommen.
Es trifft vor allem Durchschnittsverdiener, also jene, von denen es oft heißt, sie würden aus Angst vor der unsicheren Zukunft mehr Geld beiseite legen als früher und weniger konsumieren. Sie gelten als Angstsparer.
Tatsächlich ist die Sparquote in der Bundesrepublik in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Rund elf Prozent ihres verfügbaren Einkommens legen die Deutschen auf die hohe Kante, mehr als fast alle anderen Industrienationen. Allein im vergangenen Jahr kamen so 155 Milliarden Euro zusammen. Aber ist das wirklich Angstsparen?
Wer genau hinsieht, entdeckt, dass Gering- und Durchschnittsverdiener fast gar nichts mehr zurücklegen. Haushalte, die netto mit weniger als 1300 Euro im Monat auskommen müssen, nehmen im Schnitt sogar Schulden auf, und selbst in der Einkommensklasse bis 2600 Euro liegt die Sparquote nur bei fünf Prozent.
Was sollen sie denn auch auf die hohe Kante legen? Inzwischen bleiben vier von zehn Haushalten nach Abzug aller Fixkosten weniger als hundert Euro im Monat zur freien Verfügung. Auch die rot-grüne Steuerreform hat daran wenig geändert. »Der positive Effekt der Einkommensteuerreform wurde in der Unter- und Mittelschicht durch die zusätzlichen finanziellen Belastungen bei weitem überkompensiert«, sagt Renate Köcher, Leiterin des Allensbach-Instituts für Demoskopie, das regelmäßig die finanzielle Situation der Haushalte erforscht.
Stattdessen wächst der Abstand zwischen Arm und Reich. 1997 verfügten 510.000 Bundesbürger über ein Geldvermögen von mindestens einer Million Euro. Heute sind es 756.000, so die Berechnung der Investmentbank Merrill Lynch und der Unternehmensberatung Capgemini. Sie sind die Wohlstandssparer. Nach Erhebung des Statistischen Bundesamts legen schon Haushalte mit einem Nettoeinkommen von mehr als 5000 Euro im Monat nicht weniger als 22 Prozent ihres Einkommens auf die Seite. »Die Umverteilung spielt beim Anstieg der Sparquote eine wichtige Rolle«, sagt Udo Ludwig, Konjunkturforscher am Institut für Wirtschaftsforschung in Halle.
Solange also in erster Linie die Einkommen der Vermögenden zunehmen, wird auch die Ersparnis weiter steigen. Der private Konsum wird weiter schwächeln.
Irrtum Nummer zwei:
Gewinne von heute werden morgen investiert
Die Trumatic 500 ist so groß wie ein kleines Sportflugzeug, und so ähnlich sieht sie auch aus. Ein dicker blauer Rumpf, links und rechts eine Art Tragfläche. Nur dass diese Maschine nicht fliegt, sondern Metall in Form bringt. Von links zieht sie das Blech ein, in der Mitte stanzt sie es, rechts spuckt sie den Rest aus, alle fünf Minuten ein Blech, zwölf Bleche pro Stunde.
Seit sechs Jahren zieht und stanzt und spuckt die Trumatic 500, sie funktioniert noch immer einwandfrei, aber es gibt inzwischen bessere Modelle, die noch schneller, noch präziser arbeiten. Früher hätte Christoph Roos die Maschine längst ersetzt. Aber heute?
Boppard am Rhein, eine Kleinstadt zwischen Frankfurt und Koblenz, das Deutsche Eck ist nur ein paar Autominuten entfernt. Vor 50 Jahren hat Heinrich Roos, der Vater von Christoph, hier seine Firma gegründet, aus einem winzigen Laden machte er einen erfolgreichen Industriebetrieb. Die Roos GmbH stellt Elektrowärmespeicher her, sie baut Metall- und Kachelöfen, der Betrieb hat 40 Angestellte. Doch so schwierig wie jetzt war das Geschäft lange nicht mehr.
Christoph Roos ist 32 Jahre alt, er hat früh gelernt, dass seine ganze Existenz am Erfolg der Firma hängt. Seit sechs Jahren leitet er das Unternehmen, gemeinsam mit dem 74-jährigen Vater. Früher gab es in Deutschland mehr als ein Dutzend Hersteller wie Roos, heute nur noch vier. Früher kauften sich die Leute regelmäßig neue Heizgeräte, heute lassen sie die alten laufen, so lange es irgendwie geht. »Das erste Halbjahr 2005 war unerwartet schwach«, sagt Christoph Roos.
Roos würde anstelle der Trumatic 500 auch eine neue Maschine in die Werkhalle stellen – wenn er genug zusätzliche Aufträge hätte. Es würde ihn eine halbe Million Euro kosten, aber das würde er hinnehmen. Denn dann könnte er neue Produkte anbieten, die nur die neue Maschine zustande bringt. Er könnte sicher sein, dass sich die teure Investition ziemlich schnell rechnet.
Aber woher sollen die zusätzlichen Aufträge kommen? »Wir müssen uns am Markt orientieren. Eine Fehlinvestition können auch wir uns nicht erlauben«, sagt er. Christoph Roos investiert nicht, weil die deutschen Konsumenten nicht konsumieren.
So wie die meisten Mittelständler. Fast 400.000 Betriebe zählen zum vielzitierten Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Der Großteil arbeite vor allem für den heimischen Markt, heißt es im aktuellen Mittelstandsreport des Deutschen Industrie- und Handelskammertags. Und weil die Binnenwirtschaft lahmt, geht jeder dritte Betrieb davon aus, dass sich die Situation des eigenen Unternehmens in der zweiten Jahreshälfte weiter verschlechtern wird. Das bedeutet: weitere Entlassungen.
Ganz anders die Lage der Konzerne. Die großen Autohersteller, Maschinenbauer oder Software-Häuser machen den überwiegenden Teil ihrer Geschäfte im Ausland. Egal, ob BMW, Continental oder SAP: Sie alle haben davon profitiert, dass deutsche Produkte weltweit wieder gefragt sind. So ist, wie bei den Privathaushalten, auch bei den Unternehmen die Ungleichheit gestiegen. Dank Steuersenkungen und niedriger Lohnabschlüsse sind die Gewinne vieler Konzerne in den vergangenen Jahren mit zweistelligen Raten gewachsen. Sie sind gemeint, wenn ausländische Beobachter von der neuen Stärke deutscher Unternehmen sprechen.
Dummerweise arbeiten acht von zehn deutschen Angestellten bei Mittelständlern.
Weil aber in Deutschland die Nachfrage stagniert, verzichten auch die Großunternehmen darauf, ihre Gewinne aus dem Exportgeschäft hierzulande zu investieren. Lieber schütten sie die Einnahmen an ihre Aktionäre aus. »Erstmals seit der Nachkriegszeit«, sagt Hans-Werner Sinn, der Chef des Münchner ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, erlebe das Land »eine Entkopplung von Exportboom und Investitionskonjunktur«.
Mit fatalen Folgen. In Amerika haben die Unternehmen im vergangenen Jahr ihre Investitionen im Vergleich zum Jahr 2000 um knapp 30 Prozent erhöht, in Euroland immerhin noch um 15 Prozent. In der Bundesrepublik dagegen sind sie um anderthalb Prozent gesunken (siehe Grafik).
Weil die deutschen Konsumenten sparen, sparen auch die deutschen Unternehmen. Sie schließen Fabriken und streichen Stellen. Wenn aber gleichzeitig nur noch ein entscheidender Impuls für den Aufschwung fehlt – müsste dann nicht der Staat einspringen und für die nötige Nachfrage sorgen?
Irrtum Nummer drei:
Die Regierung muss sparen
Der Herd funktioniert einwandfrei, aber ein Topf steht schon lange nicht mehr darauf. Der Ofen ist peinlich sauber, aber niemand schiebt mehr einen Kuchen zum Backen hinein. Die kleine Küche ist vollständig eingerichtet, aber komplett verwaist. Wie sollte es anders sein? Wie könnte sich eine einzige Frau um 25 Kinder in ihrer Küche kümmern, die alle gleichzeitig rühren oder vom Teig naschen – ohne dass sich ein Kind am Herd die Finger verbrennt?
Hamburg, Stadtteil Schnelsen, ein gutbürgerliches Wohngebiet, der Ausländeranteil ist gering, neben den Reihenhäusern stehen Garagen, vor den Garagen stehen die Zweitwagen. Ein Wohngebiet, wie es in Deutschland so viele gibt. Mit einem Kindergarten, der ganz typische Probleme hat.
Seit 23 Jahren ist Marianne Stender Erzieherin, seit 1995 leitet sie die Kindertagesstätte Anna-Susanna-Stieg, aber so schlimm wie jetzt war die finanzielle Lage noch nie. Es fehlt an Bastelmaterial, es fehlt an Spielzeug. Was der Staat nicht finanziert, muss sich die Erzieherin von den Eltern holen. In Schnelsen mag das noch zu verkraften sein, weil sich einige Eltern freiwillig für die Kita engagieren. Aber was ist mit den sozialen Brennpunkten? Wer engagiert sich in Hamburg-Mümmelmannsberg? In Berlin-Marzahn? In München-Hasenbergl?
Heute haben die Erzieherinnen die Eltern eingeladen, es ist 10 Uhr morgens, und die Kinder zeigen, was sie gelernt haben. Sie singen Lieder, sie nehmen ihre Mütter an der Hand und ziehen sie zu den selbst gebastelten Mappen, in denen die selbst gemalten Bilder liegen. Zwei Kindergruppen hat die Kita, jede Gruppe zählt 25 Kinder – aber es gibt nur eine Erzieherin mit Vollzeitstelle, eine zweite kommt für ein paar Stunden dazu. Mehr finanziert die Stadt nicht.
Also schieben die Erzieherinnen Überstunden. Also müssen sie hilfsbereite Eltern bitten, für anderthalb Stunden nach den Kindern zu sehen, wenn sie sich alle zwei Wochen zusammensetzen, um über neue Projekte und Ideen zu sprechen. Vor allem aber können sie sich nicht so intensiv um jedes einzelne Kind kümmern, wie sie eigentlich wollten. »Wenn ein Kind zu mir kommt und sagt, schau mal, ich kann schon B schreiben, dann müsste ich mich eigentlich mit ihm hinsetzen und schauen, ob es vielleicht auch schon ›Baum‹ schreiben kann«, sagt Marianne Stender. »Aber dann steht schon das nächste Kind da und will spielen.«
In der kleinen Kita in Hamburg-Schnelsen zeigen sich die großen Widersprüche der staatlichen Investitionspolitik. Zwar sind sich Politiker aller Parteien immer einig, dass der Staat in Bildung investieren sollte. Zwar reden alle davon, dass Investitionen in Bildung auch Investitionen in die Zukunft seien. Aber dort, wo Bildung beginnt, ist davon nichts zu sehen: im Kindergarten.
Experten schätzen, dass Kinder, die eine Kita mit guter Ausstattung, modernem Bildungskonzept und motivierten Erzieherinnen besuchen, ihren Altersgenossen in der Entwicklung ein ganzes Jahr voraus sind. In Island oder Dänemark betreut eine Erzieherin nur fünf bis sieben Kinder. Beide Länder haben die Deutschen im Pisa-Test um Längen geschlagen. In Deutschland heißt es dagegen, der Staat habe kein Geld.
»Wir müssen umdenken und begreifen, dass die Kosten frühkindlicher Bildung in Wahrheit Investitionen sind, die sich später auszahlen«, sagt Jürgen Kluge, Deutschland-Chef der Unternehmensberatung McKinsey. Tatsächlich ist die gesamtwirtschaftliche Rendite von Bildungsinvestitionen weit höher als die Zinsen, die der Staat auf seine Anleihen zahlen muss. Das bedeutet: Der Staat kann sich heute für Investitionen in Bildung vergleichsweise günstig verschulden, bekommt dafür morgen aber viel mehr zurück. »Kinder sind hungrig nach Bildung«, so Jürgen Kluge. »Warum nutzen wir diese Chance nicht?«
In den Vereinigten Staaten hat die Regierung in den vergangenen Jahren dreimal massiv Geld ausgegeben, um eine Rezession zu verhindern – 1982, 1990 und 2001. Das kleine Dänemark flankierte seine große Steuerreform 1993 mit einem klassischen Investitionsprogramm. In Großbritannien und Finnland ließen die Staatsausgaben das Staatsdefizit Anfang der Neunziger auf fast acht Prozent steigen – dafür war das Wirtschaftswachstum zwischen 1993 und 2004 auch mehr als doppelt so hoch wie in Deutschland. In diesem Boom verwandelten Briten und Finnen ihr Defizit dann in einen satten Überschuss.
Die Deutschen dagegen investieren nicht einmal mehr in die eigene Zukunft.
So beraubt der sparende Staat am Ende sogar seine Kinder um ihre Zukunft. Wahrscheinlich gibt es kaum ein modernes Industrieland, in dem so viel über Finanzierungsvorbehalte diskutiert wird und so wenig über die Möglichkeiten, die sich ergeben könnten. Der britische Ökonom David Soskice nennt es den »deutschen Teufelskreis«. Österreichs Bundeskanzler Wolfgang Schüssel sagt, man könne sich auch in eine Negativspirale hineinreden. Er sehe Deutschland »immer noch als Riesen mit gewaltigen Reserven«. Und was sagte Deutschlands Präsident Horst Köhler in seiner Fernsehansprache, mit der er die Auflösung des Bundestags begründete? »Die Haushalte des Bundes und der Länder sind in einer nie dagewesenen, kritischen Lage.«
Deutschland steckt in der Sparfalle.
Wie sich ein ganzes Dorf selbst aus der Krise befreit
Das Wahrzeichen von Tiftlingerode ist der Erdhaufen. Neben fast jedem Haus ist ein kleiner Hügel aufgeschüttet, die Einwohner formen daraus ihren Garten, ihre Terrasse, vielleicht ein Blumenbeet. Das Dorf wächst. 35 Einfamilienhäuser stehen im Neubaugebiet, überall parken die Kleinbusse der Handwerker. 2005 werden hier so viele Babys erwartet wie noch nie.
Dabei lag Tiftlingerode doch im Sterben.
Tiftlingerode, ein Dorf am Rand des Harzes, früher Zonenrandgebiet, heute die geografische Mitte des Landes. Bis Göttingen fährt man fast eine Stunde. Die Sparkasse hat dichtgemacht, die Post gibt es nicht mehr, vor zwölf Jahren hat der Bäcker geschlossen. »Auch die Grundschule hätten wir bald zumachen müssen«, sagt Bürgermeister Gerd Göbel. Eine Schule, die lohnt sich hier nicht mehr, signalisierten die Kinderzahlen. Es war der Anstoß, das Siechtum nicht länger hinzunehmen.
Also haben sie 2002 im Ortschaftsrat das Programm »1000 für Tiftlingerode« beschlossen. Das Dorf sollte wieder wachsen, auch wenn die Kasse leer und die Stimmung am Nullpunkt war. Tiftlingerode ist eine Teilgemeinde von Duderstadt, und niemand dort hat an den Erfolg des Programms geglaubt, womit wollten sie ihren tausendsten Einwohner denn auch locken? Geld hatten sie ja keines.
Heute hat Tiftlingerode 1010 Einwohner, vor drei Jahren waren es noch 962. Sie haben den ganzen Ort verkehrsberuhigt und trotz leerer Kassen neue Spielplätze gebaut. Sie haben kurzerhand den Quadratmeterpreis für Bauland verbilligt. Sie haben einen kostenlosen Bustransport organisiert, der jeden Morgen die Kindergartenkinder abholt. Sie haben nicht auf die Buchhalter gehört, sondern Ziele gesetzt, für die es sich lohnt, ein finanzielles Risiko einzugehen. Jetzt fahren sie die Rendite ein.
Das kleine Dorf sagt viel aus über die Lage im großen Land, weil es zeigt, dass sich eine Gesellschaft selbst aus der Krise befreien kann. Dass die Bürger wieder Mut fassen, wenn man ihnen ein Ziel vermittelt. Dass Probleme wie die sinkenden Geburtenzahlen oder die lähmende Bürokratie lösbar sind. Und dass die Schulden des Staates den Aufbruch nicht bremsen müssen. Weil man auch Steuergeld so ausgeben kann, dass es Gewinn bringt. Wenn das im Kleinen geht, warum nicht auch im Großen?
In Tiftlingerode ist die kleine Grundschule jetzt bis mindestens 2010 gesichert. Und Gerd Göbel wird gern als Sachverständiger in andere Orte gebeten, um dort zu erzählen, wie er das so gemacht hat. Ein Experte von außen, der beschreibt, welche Reformen möglich sind.
Auch das erinnert an Deutschland
(c) DIE ZEIT 25.08.2005 Nr.35
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(Hans-Hermann Kersten)