Was ist ein gerechter Lohn?

Ärzte gehen auf die Straße. Müllmänner streiken. Metaller legen die Arbeit nieder. In Deutschland tobt ein Streit um Geld und Status. Während früher alle Arbeitnehmer am Wohlstand beteiligt wurden, kämpft heute jeder für sich.

 

In einem Eiscafé in der Innenstadt von Giengen an der Brenz sitzt der Metallarbeiter Steffen Wagner und spricht von Gerechtigkeit. Es ist vier Uhr am Nachmittag, der Schichtarbeiter Wagner hat Feierabend. Eigentlich hat er einen guten Job. Wagner ist Instandhalter bei Bosch-Siemens Hausgeräte. In Giengen, nördlich von Ulm, bauen sie Kühl- und Gefrierschränke. Wagner ist jetzt 33. Er hat sich ein Motorrad gekauft, er ist oft nach Tirol zum Snowboarden gefahren. Inklusive aller Schichtzulagen verdient er 3300 Euro im Monat. Gutes Geld. Aber es wird immer weniger.

Vor sechs Jahren verdiente Wagner auch schon 3300 Euro. Seitdem ist der Strom teurer geworden, das Benzin, das Essen, eigentlich alles. Immer weniger kann sich Wagner von seinem Lohn kaufen, obwohl er sogar eineinhalb Stunden pro Woche mehr arbeitet als früher.

Weniger Geld für mehr Arbeit. »Das soll gerecht sein?«, fragt Steffen Wagner.

Im Hermann-Josef-Abs-Saal im Turm der Deutschen Bank in Frankfurt am Main sitzt Josef Ackermann und spricht von Erfolg. Es ist zehn Uhr am Vormittag, am 2. Februar 2006, und der Manager Ackermann hat einen der wichtigsten Termine des Jahres: Bilanzpressekonferenz. Ein paar hundert Journalisten, Fotografen, Techniker, Kameraleute schauen ihm ins Gesicht. Ackermann legt die neuesten Zahlen über die Deutsche Bank vor. Rekordzahlen. Im Jahr 2005 hat die Bank 6,4 Milliarden Euro Gewinn gemacht.

Vergangene Woche legte die Deutsche Bank die neuesten Zahlen über Josef Ackermann vor. Rekordzahlen. Im Jahr 2005 hat Ackermann monatlich 990.000 Euro verdient. Er ist Deutschlands bestbezahlter Konzernchef.

Nach Berechnung der Unternehmensberatung Kienbaum bekommen die Vorstände der 30 größten deutschen Unternehmen heute mehr als doppelt so viel wie noch 1998 – im Schnitt fast 200.000 Euro im Monat. Ein normaler Vollzeit-Arbeitnehmer dagegen verdient, inflationsbereinigt, heute weniger als 1998, im Schnitt 2448 Euro im Monat (siehe Grafik auf der nächsten Seite).

Nie zuvor klafften die Löhne und Gehälter in Deutschland so weit auseinander. Seit Jahren wächst der Abstand, und jahrelang wuchs er geräuschlos. Doch jetzt scheinen die Arbeitnehmer genug zu haben. Einer der größten Tarifkonflikte der Geschichte hat die Republik erfasst. Betroffen sind fünf Millionen Beschäftigte aus mehr als einem Dutzend Branchen. Die Ärzte gehen schon seit Monaten immer wieder auf die Straße. Müllmänner, Verwaltungsangestellte und Krankenschwestern streiken seit acht Wochen – so lange wie nie zuvor. Und in dieser Woche haben auch Elektriker und Schlosser mit Warnstreiks begonnen. Der Marburger Bund, die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, die IG Metall – alle rufen sie zum Arbeitskampf. Die Ärzte wollen dreißig Prozent mehr Geld. Die Metaller mindestens fünf. Die Müllwerker und Sachbearbeiter sind schon froh, wenn sie nicht weniger bekommen als bisher.

Im ganzen Land tobt ein Kampf um Geld. Um die Stellung in der Gesellschaft. Ein Kampf, der für nie gekannte Ungleichheit unter den Arbeitnehmern sorgen wird. Obwohl es doch ihnen allen nur um eines geht: um Lohngerechtigkeit. Aber was ist das heute eigentlich: der gerechte Lohn?

Walter Barth kennt viele schöne Wörter für sein Gehalt. Er sagt zum Beispiel: »Schweinegeld«. Oder: »Ein unheimliches Geld«. Manchmal auch: »Bombenkohle«. Er könnte auch einfach nur sagen: »Wir haben immer gut verdient.«

Walter Barth ist 64 Jahre alt. Fast 40 Jahre lang war er bei Bosch in Giengen. Wenn Steffen Wagner die deutsche Gegenwart verkörpert, dann steht Barth für die Vergangenheit. Er sagt: »Wir hatten eine schöne Zeit.« Das sagen auch die anderen Bosch-Rentner, die jeden Tag auf Barths Fernsehschirm erscheinen. Nach dem Abendbrot machen sie Videokonferenz. Dann erzählen die Alten sich von früher. Von den Grillhähnchen und den Bierkästen zum Beispiel. Die ließ der Chef immer vom Wirt der Bühler Höhe ins Werk liefern, wenn er wieder einmal besonders zufrieden war.

Statt Hähnchen gab es manchmal auch 50-Mark-Scheine, einmal sogar einen Fünfhunderter. Die kamen dazu – zu den Samstagszulagen und den Sonntagszulagen und den Schichtzulagen. Walter Barths Haus wuchs und wuchs. Zuerst setzte er ein Stockwerk drauf, dann ein neues Dach. Dann baute er an, dann noch einmal. Das Haus war am Anfang klein und grau. Jetzt ist es groß und gelb. »Nicht eine Sekunde habe ich um meinen Arbeitsplatz gefürchtet, im ganzen Leben nicht«, sagt Barth. Er wurde Gruppenleiter, Meister, technischer Sachbearbeiter, Büromensch, Betriebsrat. Seit fünf Jahren ist er Rentner.

Walter Barth war Teil der Aufstiegsgesellschaft.

 

Mit diesem Wort beschrieben Sozialforscher jahrzehntelang die Bundesrepublik. Es war eine Gesellschaft, in der zwar nicht jeder gleich viel hatte, in der die sozialen Unterschiede aber überschaubar blieben und jeder wusste, dass er in fünf Jahren mehr haben würde als heute. Eine Gesellschaft, die sich zwar als Marktwirtschaft verstand, in der jedoch der einzelne Arbeitnehmer vom Auf und Ab des Marktes meist wenig zu spüren bekam. Der Lohn stieg, egal, wie hoch die Rendite bei Bosch, Ford oder Siemens war. Der Flächentarifvertrag sorgte dafür, dass alle Arbeitnehmer einer Branche von Jahr zu Jahr mehr Geld bekamen.

Ein Lohn ist gerecht, wenn er dafür sorgt, dass alle vom Wirtschaftswachstum profitieren, auch die einfachen Arbeiter. So dachte man damals. Zwar wurde hin und wieder heftig gestreikt. Aber da ging es um kürzere Arbeitszeiten oder darum, ob die Lohnerhöhung fünf, sechs oder sieben Prozent betragen sollte – dass es jedes Jahr mehr Geld gab, stand außer Frage. Das ist vorbei.

Für Millionen Arbeitnehmer gilt eine neue Wirklichkeit: Jedes Jahr gibt es ein bisschen weniger. Überall setzten die Unternehmen zuletzt Nullrunden oder gar Lohnsenkungen durch. In der Bauindustrie wurden die Mindestlöhne um rund zwei Prozent gesenkt. Die Tarifeinkommen der Gebäudereiniger sanken sogar um bis zu 15 Prozent. In anderen Branchen kürzten Unternehmen das Urlaubs- oder Weihnachtsgeld oder verlangten unbezahlte Mehrarbeit, etwa bei Conti, Siemens oder HeidelbergCement. In den Ford-Werken wurden Anfang des Monats sogar künftige Lohnerhöhungen von vornherein ausgeschlossen.

Selbst wenn in Tarifverträgen noch ansehnliche Lohnsteigerungen festgelegt werden, spielt das vielfach keine Rolle mehr, weil immer mehr Unternehmen den Flächentarif kündigen. Zugleich werden die bestehenden Tarifregeln löchriger: Allein in der Metall- und Elektroindustrie nutzen inzwischen mehr als 600 Unternehmen Öffnungsklauseln von den Tarifbestimmungen, ver.di verzeichnet schon 1000 Ausnahmevereinbarungen.

Es sind Ausnahmen, die stets einer Regel folgen: Sie senken die Löhne.

Zugleich steigen die Gewinne der Unternehmen. Und mit ihnen wachsen die Bezüge der Topmanager, die oft an das Firmenergebnis gekoppelt sind. »Unanständig«, sagt IG-Metall-Chef Jürgen Peters meist, wenn er auf die Einkommensunterschiede von Facharbeitern und Vorstandschefs angesprochen wird.

Dabei haben Topmanager und Gewerkschafter durchaus etwas gemein. Wenn Ackermann über seine Bezüge spricht oder Peters über die Löhne der Werktätigen, dann benutzen sie oft dasselbe Wort: Leistung. Ackermann hat den Gewinn der Deutschen Bank in außergewöhnliche Höhen getrieben. Also hat er auch ein außergewöhnliches Gehalt verdient. Die Metallarbeiter haben hart gearbeitet und für Qualität gesorgt. Also haben sie auch fünf Prozent mehr Lohn verdient.

Weil sich Leistung aber schwer messen lässt, orientierten sich die Gehälter früher an ganz unterschiedlichen Faktoren. Als Werner Barth noch bei Bosch arbeitete, gab es zum Beispiel schon dafür Geld, dass jemand älter wurde. Schließlich hatte er dann mehr Erfahrung als die jungen Berufsanfänger. Es gab Geld für bestimmte Ausbildungsabschlüsse: Ein Facharbeiter bekam mehr als ein einfacher Arbeiter. Es gab Geld für Samstagsarbeit und für Nachtschichten oder für besonders schwere Arbeiten inmitten von Hitze, Lärm oder Staub. Für Millionen Angestellte im öffentlichen Dienst war es selbstverständlich, dass auch derjenige mehr Geld bekam, der verheiratet war oder Kinder zu versorgen hatte. »Der Lohn wurde früher insbesondere nach dem Aufwand und der Lebenssituation des Mitarbeiters bemessen«, sagt der Münchner Soziologe Nick Kratzer.

Diese Art von Gerechtigkeit gibt es nicht mehr.

Jeden Morgen um halb sieben schlüpft Volker Bromme in eine orangenfarbene Hose und eine orangenfarbene Jacke mit Leuchtstreifen. Dann macht er sich mit seinem Besen daran, die Straßen der Stadt Kassel zu fegen.

Bromme arbeitet 38,5 Stunden in der Woche, auch bei Frost und bei Wind, aber das stört ihn nicht weiter. »Wenn die anderen schon halb erfrieren, hole ich erst den Pullover raus«, sagt Bromme.

Volker Bromme ist Angestellter der Stadtreiniger Kassel. Bis vergangenen Herbst hätte einer wie er knapp 2000 Euro im Monat verdient. Bromme ist 39 Jahre alt, verheiratet, er hat zwei Kinder, also hätte er mehr Geld bekommen als ein 30-jähriger Single. So stand es im BAT, im 1034 Steiten starken Bundesangestelltentarifvertrag.

Volker Bromme verdient nur 1577 Euro. 400 Euro weniger, als ihm früher zugestanden hätten.

Erst im März hat er als Straßenkehrer angefangen. Vorher war er bei einer Gartenbaufirma, die ihm den Lohn schuldig blieb und kurz vor der Pleite stand. Er will nicht, dass sein wirklicher Name in der Zeitung steht, weil er Angst hat, seinen neuen Arbeitsplatz wieder zu verlieren. Er ist froh, dass er den Job hat. Aber seltsam ist es schon: Eine vierköpfige Familie braucht heute nicht weniger Geld als früher. Bromme leistet nicht weniger als die alten BAT-Straßenkehrer.

Doch der BAT ist ein Auslaufmodell, das nur noch für die Beschäftigten der Länder Bedeutung hat. Beim Bund und in den Kommunen gilt seit vergangenem Jahr der TVöD, der Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes. Auch für Volker Bromme. Und der TVöD folgt einer anderen Art von Lohngerechtigkeit. Er orientiert sich nicht mehr an Aufwand und Lebenssituation.

Er orientiert sich am Markt.

Der Markt fragt nicht, wie leicht oder wie schwer eine Arbeit ist. Er fragt auch nicht, wie viele Kinder jemand hat. Der Markt fragt, ob es nicht inzwischen reihenweise private Unternehmen gibt, die billiger die Straßen reinigen. Also ist Volker Brommes Arbeit als Straßenkehrer weniger wert als früher. Also setzten die kommunalen Arbeitgeber den neuen TVöD durch.

Der Markt fragt auch nicht, ob Steffen Wagners Lebenshaltungskosten gestiegen sind. Er fragt, ob griechische oder türkische Arbeiter die Bosch-Kühlschränke billiger produzieren könnten. Also ist auch Steffen Wagners Arbeit weniger wert als früher. Also setzte Bosch-Siemens unbezahlte Mehrarbeit durch.

Auch wenn sich die Leistung deutscher Arbeiter nicht verändert hat – ihr Wert ist gesunken. Der Gießener Soziologe Sighard Neckel nennt dies die »Vermarktlichung des Leistungsprinzips«.

Dazu gehört, dass selbst unter den Arbeitgebern ein Wettbewerb entstanden ist: Wer holt für sich den günstigsten Lohnabschluss heraus? Früher handelten die Arbeitgeber im öffentlichen Dienst als Bund, Länder und Kommunen gemeinsam einen einzigen Tarifabschluss aus, der dann bundesweit für Millionen Staatsbedienstete galt. Heute zerfällt das Lager: Die Länder sind aus dem Tarifbündnis ausgeschert; innerhalb ihrer Gruppe gibt es mit Berlin und Hessen bereits die ersten Einzelkämpfer. Daneben ringen sogar schon einzelne Kommunen wie Hannover oder Greifswald mit der Gewerkschaft um Sonderverträge.

In der Industrie fordern die Arbeitgeber immer mehr Öffnungsklauseln, oder – wie jetzt Gesamtmetall – eigene, schlechtere Tarifbestimmungen für bestimmte Beschäftigte, etwa für die Kantinenmitarbeiter, für Wachleute und das Reinigungspersonal.

Es gibt mehrere Gründe, weshalb sich private und öffentliche Unternehmen auf einmal so stark am Markt orientieren. Da sind die leeren öffentlichen Kassen. Da ist der weltweite Wettbewerb. Da ist der gestiegene Druck durch internationale Finanzinvestoren, die auf maximale Kapitalrendite dringen, auch wenn das auf Kosten der Arbeiter geht.

Das Marktprinzip verbreitet sich aber noch aus einem weiteren Grund. Er hat wenig mit dem Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital zu tun und viel mit einer neuen Kluft zwischen den Arbeitnehmern: Der Markt macht nicht alle zu Verlierern.

Nicht alle abhängig Beschäftigten haben sich in den vergangenen Jahren finanziell verschlechtert. Zwar mussten Millionen Facharbeiter reale Einkommensverluste hinnehmen. Zwar seien vor allem die Löhne der Geringqualifizierten enorm gesunken, sagt der Frankfurter Wirtschaftsprofessor Bernd Fitzenberger.

Aber gleichzeitig konnten sich viele höher qualifizierte Arbeitnehmer deutlich verbessern.

Der Topmanager Josef Ackermann ist nur das extreme Beispiel für einen neuen Trend. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin hat ausgerechnet: Während die realen Löhne und Gehälter im niedrigen und mittleren Einkommensbereich in den vergangenen Jahren stagnierten oder sanken, konnten Gutverdiener fast aller Branchen kräftige Zuwächse verzeichnen. Auch bei Bosch-Siemens in Giengen verdienen die leitenden Angestellten heute deutlich mehr als früher. Hoch qualifizierte Mitarbeiter gibt es in Griechenland oder der Türkei nicht so viele.

»Bei Ingenieuren ist man bereit, jeden Preis zu zahlen«, staunt auch Norbert Lenhard, Betriebsratsvorsitzender bei der Schaeffler KG in Schweinfurt. Die übrigen Beschäftigten des Kugellager-Produzenten müssten sich ständig anhören, sie seien zu teuer. »Nur bei den Ingenieuren heißt es, das verlange nun mal der Markt, die seien knapp.«

Deshalb bekomme ein Fachhochschulabsolvent zum Einstieg leicht 4000 Euro, und er habe gute Chancen, in den außertariflichen Bereich zu gelangen, der bei 5900 Euro beginnt. »Ein typischer Facharbeiter«, sagt Lenhard, »kommt dagegen selbst mit Nachtzuschlägen auf nicht mehr als rund 2500 Euro.«

Die Löhne driften auseinander. Die alte Regel, wonach es allen in Deutschland immer besser geht, gilt nicht mehr. Die einen steigen auf, die anderen ab. Die Republik teilt sich.

Die Folge ist nicht, dass sich alle gemeinsam gegen den Markt stellen. Sondern jeder versucht, für sich das Beste herauszuholen. Vor allem jene, die von sich glauben, dass sie zu den Marktgewinnern zählen. Vor fünf Jahren zum Beispiel forderte die Dienstleistungsgewerkschaft ver.di 3,5 Prozent mehr Lohn für die Beschäftigten der deutschen Fluggesellschaften. Den Piloten schien das zu wenig, sie forderten das Zehnfache. Schließlich lag ihr Marktwert weit höher als der von Stewardessen und Bodenpersonal. Im Land mangelte es an Flugkapitänen.

Die Gewerkschaft beklagte den Mangel an Solidarität, den Piloten aber war ihr Marktwert wichtiger. Sie kündigten ver.di die Gefolgschaft und lassen ihre Tarifverträge seitdem von der Berufsvereinigung Cockpit aushandeln, die nur für die Piloten zuständig ist.

Das gleiche Phänomen zeigt sich heute bei den Ärzten. Die ver.di-Forderung, die auch für Krankenpfleger und Sekretärinnen gilt, erscheint ihnen zu niedrig. Deshalb führt jetzt der Marburger Bund die Verhandlungen exklusiv für die Mediziner. Dabei berufen sie sich gern auf den internationalen Wettbewerb: Ihre Kollegen im Ausland verdienten deutlich mehr. »Die Globalisierung wirkt inzwischen in beide Richtungen«, sagt der Essener Betriebswirtschaftsprofessor Werner Nienhüser. Der billige chinesische Arbeiter setzt die deutschen Metaller unter Druck, der teure englische Arzt die deutschen Klinikchefs.

Je mehr unterschiedliche Arbeitgeber - und Arbeitnehmer-Gruppen aber die Kraftprobe mit ihrem Gegenüber suchen, desto härter werden die Tarifkonflikte. »Wenn man die Dezentralisierung der Lohnverhandlungen vorantreibt, gibt es mehr und längere Streiks«, sagt Wolfgang Streeck, Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Kleine Gruppen brauchten ihre Interessen dann nicht mehr in großen Verbandsstrukturen abzustimmen, sondern könnten von vornherein auf Konfrontation setzen. Bald, fürchtet Streeck, hätte man Verhältnisse wie in Italien: »Wenn dort etwa die Busfahrer in Florenz streiken, weiß kein Mensch, warum, keine Zeitung berichtet mehr über die Hintergründe der vielen Arbeitskämpfe.« Eine öffentliche Auseinandersetzung über Lohngerechtigkeit findet dann gar nicht mehr statt. Es zählt nur noch die individuelle Durchsetzungsmacht.

Noch beginnen in Deutschland viele Arbeitnehmer erst, sich als Berufsgruppe mit besonderen Eigeninteressen zu begreifen. So wie derzeit die Ärzte. Oder wie vielleicht bald die Ärzte an Unikliniken, die nicht mehr mit den Ärzten in normalen Krankenhäusern gleichgestellt werden wollen. Kersten Borchert etwa ist Internist an der Uniklinik in Hannover. Der 30-jährige Assistenzarzt verdient 3400 Euro brutto im Monat. Genauso viel wie die Kollegen an den kommunalen Krankenhäusern. Das stört ihn. Schließlich forsche er nebenher, sei besser qualifiziert. Außerdem: »Wir haben hier besonders kranke Patienten, wir leisten eine Supramaximalversorgung.«

Deshalb beruft er sich jetzt auf die Marktgesetze, deshalb verlangen er und seine Kollegen spezielle Leistungskomponenten bei der Bezahlung von Ärzten an Unikliniken.

Wenn es um den Lohn geht, steckt eben in fast jedem ein kleiner Ackermann.

Von Kolja Rudzio, Wolfgang Uchatius und Stefan Willeke

Mitarbeit: Robert von Heusinger, Ulrike Meyer-Timpe

©  DIE ZEIT 30.03.2006 Nr.14

 


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(Volksmund)